… Ich sass in der Eisenbahn, die mich Provinzbewohner in die Hauptstadt an eine Fachvereinspräsidententagung bringen sollte. Die morgendliche Stosszeit war vorüber, und ich hatte es mir einigermassen bequem machen können, ja ich hatte sogar genügend Platz, um meine Unterlagen auf dem kleinen Tischchen im Durchgang zu den oberstöckigen Abteilen zu platzieren. Noch waren die übrigen Sitze neben und jenseits des Tischchens leer, und ich konnte damit rechnen, in Ruhe nochmals die Traktandenliste studieren, die wichtigen Punkte durchsehen und meine Eingabe zu einem der heiklen Themen memorieren zu können. Mein beflissenes Kontrollieren der Uhr versicherte mir, dass sich der Zug fahrplanmässig in Bewegung setzte – ich hatte also allen meinen Pflichten Genüge getan. In diesem Augenblick näherte sich ein junger Mann mit spiegelnder, dunkler Sonnenbrille, einer abenteuerlichen Kopfbedeckung, einer Art Turban, türkisfarben, und in Leinenkleidung, nicht unelegant; ihm folgte eine ebenfalls noch junge Frau, schlank und etwas bleich im Gesicht.

Freundlich und artig fragte der Mann, ob es mich störe, wenn sie sich zu mir ans Tischchen setzten. Natürlich verneinte ich. Die beiden waren alles andere als aufdringlich; der junge Mann platzierte sich mir schräg gegenüber, und die junge Dame – wie sollte ich sie sonst bezeichnen – setzte sich mit ihren grauen Strümpfen im Schneidersitz neben mich. Gemütlich casual sollte unserer Reise sein, und die Dame deponierte auch ihre persönlichen Utensilien wie Halstuch, Spange, Taschenbuch und Etui rund um sich auf unsere Sitzbank.

Eine Vertraulichkeit umgab die beiden, und zog mich sogleich in ihren Bann. Ich ahnte bereits, dass mir meine Pflichten entgleiten würden.
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… andächtige Begegnung mit Tim, dem alpinen Rinderhirten und Mitschöpfer unserer sesshaften Kultur …

… Meine Liebste meinte beim Morgengrauenblick zum Fenster hinaus, es sei nur ein unscheinbarer Wagen.

Diese achtlose Bemerkung zeugt allerdings lediglich von ihrem Desinteresse an Kraftfahrzeugen, denn erstens sind heutzutage nicht nur frühmorgens alle Autos wie Katzen grau und unscheinbar, sondern auch tagsüber – farbige Wagen sind entweder längst verboten oder gelten wohl ganz einfach als ordinär. Und zweitens macht sich die Grossartigkeit und Raffinesse der modernen Automobiltechnik eben auf ganz andere Weise bemerkbar, in unserem Falle im höchst bemerkenswerten Klang des Motors, an dem zweifellos grosse Teams von Akustikexperten gefeilt haben. Beim Starten gemahnt der nachbarliche Wagen an das Brummen eines erwachenden Bären, der schlecht geträumt hat und sich darum grundlos bedroht fühlt, bald aber nähert sich der Ton einem röhrenden Hirsch, bevor er, wenn sich der Wagen vom Randstein löst, vollends in das Brüllen einer Territorium und Brut verteidigenden Raubkatze übergeht.

Dem Himmel sei Dank, wohnen wir urban – ausser Füchsen und Mardern gibt es bei uns kein Grosswild –, so dass wir gleich beim ersten Hören an die nachbarliche Neubeschaffung eines Automobils dachten und uns damit recht angstfrei aus dem Bett wälzen konnten – und weiterhin können, denn überaus froh sind wir, dass das zeitgeregelte Knattern, Surren und Grollen praktisch synchron mit dem naiven Summen unseres in die Jahre gekommenen Weckers vor sich geht, dessen akustische Schäbigkeit uns schon längst genervt hat. Nun konnten wir diesen ohne Schaden unters Bett verbannen.

Einen gewissen Neid meinerseits muss ich schamvoll zugeben. Ich beneide ihn, den stolzen Fahrer. Nicht um seinen neuen, nur scheinbar unscheinbaren Wagen – den gönne ich ihm gern. Ich beneide ihn um sein untrügliches Gehör und seinen musikalischen Verstand, mit dem er unter den Tausenden von neuen Automobilen genau dasjenige gefunden und ausgesucht hat, das in seiner differenzierten Fülle des Klanges alle seine Konkurrenten weit aus dem Felde sticht.