… Künstler werden? Soll ich wirklich Künstler werden? Nebenberuflich? Was heisst denn das? Kunst herstellen? Kann man das? Kunst ist doch … Ich war verunsichert, aber die Post hatte mich neugierig gemacht, mehr noch, viel mehr. Sie hatte mich an einer wichtigen Stelle, vielleicht gar an einem wunden Punkt getroffen. Künstler werden! Das Angebot war umwerfend.

Die Post war an mich persönlich adressiert worden: Ich war namentlich erwähnt worden! Absenderin war die hiesige Akademie. Die Akademie der Künste! Unklar war, woher sie meine Adresse, meinen Namen hatte, und wer dort auf die Idee gekommen war, dass in meinem Innersten schon immer der Wunsch wühlte, Künstler zu werden. Nein. Künstler zu sein. Ohne wenn und aber. Künstler ist man. Künstler sein hat etwas – etwas Kompromissloses, ist eine Aufgabe, eine Hingabe. Als Künstler hat man etwas zu sagen, zu … Zu bilden, zu machen, darzustellen.

Und der Künstler wird gehört, beachtet, die meisten jedenfalls werden beachtet, Künstler werden … Nein, es sein, Künstler sein heisst, beachtet zu werden. Etwas Beachtenswertes hinzustellen, einfach hinzustellen, vielleicht etwas Rätselhaftes, das erst von all den Menschen, die das Werk betrachten, ergründet und verstanden werden will, denn Kunst hat etwas Geheimnisvolles, und Künstler sind ihrerseits geheimnisvolle, tiefgründige Wesen, die sich dem alltäglichen, biederen Mief des Massenmenschen entgegenstellen, Künstlern fehlt dieser Mief, und es war dieser Mief, den ich roch, an mir roch, als ich am Küchentisch den Brief geöffnet hatte und die Einladung aus dem Umschlag zog. Es war nicht weniger als eine Einladung zum Künstler-Werden – zum Entrinnen aus meinem Alltags-Mief.

Eine Einladung zur Weiterbildung: «Künstler im Nebenberuf». So hiess unumwunden das Angebot. Sechs Semester. Mit Abschluss. Also mit Diplom. Diplom als Künstler. Nein, nicht genau. Sondern als Gestalter. Aber das ist wohl dasselbe. Das heisst: Nicht ganz. Gestalten kann jeder. Beinahe. Jedenfalls ist Gestalter verbreitet. Mediengestalter, Plakatgestalter, Webseitengestalter, Inseratengestalter, Todesanzeigengestalter, Buchumschlaggestalter. Leute, die das professionell tun. Geld verdienen. Davon leben.

Aber Künstler werden, Künstler sein, verheisst doch etwas ganz anderes. Künstler sein ist eine höhere Weihe, vor allem, wenn man nicht nur Künstler ist, also sich als Künstler ausgibt, sondern wenn man als Künstler anerkannt ist. Vermeer, van Gogh, Mark Rothko, Damien Hirst. Allgemein und überall bekannte und anerkannte Künstler. Und natürlich kann man davon leben. Bestens leben.

Das sollte doch zu erreichen sein, denn die Künstler sind darüber hinaus diejenigen, die Neues, Unbekanntes erfinden und gestalten. Unerhörtes! Ungesehenes! Sie bringen die Menschen weiter, zeigen ihnen mit ihren Werken den Weg in die Zukunft; sie sprechen die Seele der ganzen Menschheit an, aus der eigenen einzigen Seele heraus, denn die Künstlerseelen sind die Avantgarde der Menschheitsseelen, und das heisst heutzutage nicht mehr nur handwerkliche Meisterleistungen vollbringen, wie man früher meinte, sondern eben geistige Überraschungen, weil in ihnen ein artistischer Furor glüht, weil aus ihnen ein Genius strömt.

Solches dachte ich bei mir, als ich den an mich – an mich! – persönlich adressierten Brief studierte, und ich fühlte mich darin bestätigt, den just in diesem Moment entglitt dem Umschlag ein Faltprospekt, auf dem – ausgesprochen schummrig und undeutlich, aber ich weiss natürlich, dass gerade dieses Diffuse, Traumhafte, Unbestimmte wesentlich zum modernen künstlerischen Schaffen gehört – Kunstexponate zu sehen waren, Objekte aus Stoff und Metall, so schien es, die unzweifelhaft all denjenigen glichen, die man an Vernissagen zu sehen bekommt. Das könnte es doch sein! Ich fühlte mich angesprochen, ja zum Voraus beglückt, möglicherweise gar verführt. Das könnte es doch sein! Das könnte meinem Leben einen ganz neuen Dreh geben, einen Sinn, eine Bedeutung, einen Gehalt, könnte den Mangel, den ich seit dem Bewusstwerden meiner selbst schmerzlich spürte, endlich beheben. Den Mangel an Bedeutung.

Natürlich konnte ich mir einreden, dass mein Leben auch so einen Sinn hatte – und noch immer hat –, denn ich bin schliesslich den Erwartungen meiner Chefin und der Direktion mit einiger Beflissenheit nachgekommen, und meine, auch meine privaten Verpflichtungen leidlich erfüllt zu haben. Aber Künstler sein heisst doch noch etwas ganz anderes, Künstler sein heisst, eine Herausforderung angenommen zu haben, heisst, einem existentiellen Ruf gefolgt zu sein, der wohl mit einem spirituellen, religiösen Erwachen zu vergleichen ist.

Der Unterschied allerdings war mir sogleich klar. Während der religiöse Ruf eine Berufung zur Askese, zur Beschränkung in weltlichen Belangen ist, bedeutet der Ruf der Kunst im Gegenteil eine Aufforderung, sich der Welt und ihren Wundern, ihren Paradiesen und Höllen rückhaltlos hinzugeben, denn erst da beginnt die Kunst, wo der Künstler in einem Ringen mit ebendieser Welt, in einem Ringkampf möchte ich sogar behaupten, dem Höheren, dem Geistigen entgegenstrebt. Ich war mir bewusst, dass ich, sollte ich es wagen, mich der lockenden Muse an die Brust zu werfen, alle Hemmungen, die mein bisheriges Leben notgedrungen begleitet haben, über Bord zu werfen, dass ich die Risiken eines ungehemmten, artistischen Lebens einzugehen hatte, und dass gerade diese Risiken verbunden waren mit den grössten Lüsten, womöglich gar verbotenen Lüsten, wie es grosse Vorbilder in genügender Zahl besungen haben. Füllhörner ohne Zahl hält die Muse ihren Jüngern bereit, und hier, in dieser an mich persönlich adressierten Post, respektive in den lockenden Räumen der Absenderin, der Akademie, würde man mir ein Weg, nein, nicht irgendeinen, sondern den Weg schlechthin zeigen, den Königsweg in diese lichte Zukunft.

Bestätigt wurde ich in meinen Erwägungen, die einen radikalen Bruch mit meinem bisherigen Leben bedeuten sollten, durch eine Reihe von Postkarten, die sich ebenfalls im gewichtigen Umschlag fanden. Auf grellem, einfarbigen Grund standen in ungelenker Schrift Worte und Zeichen, die mir wie Embleme meines zukünftigen Gangs erschienen: BILD – ENDE! FoLlOw-ThE-ArT-FaCtOrY! Einfache Ausrufe, simpelste Gestaltung. Deren fordernder Sinn war mir unmittelbar klar: Wer zum Künstler berufen ist, wer das Wagnis eingeht, über Klüfte in die Höhen künstlerischer Vollendung zu steigen, braucht über keinerlei Voraussetzungen jedweder Art zu verfügen. Roheste unmittelbare Emphase genügt, ausgedrückt in einfachster schlagender Begrifflichkeit. Das angebotene Studium würde den Rest übernehmen, würde mich zum verheissenen künstlerischen Produzieren und zum garantierten Erfolg tragen.

Mit einem Schauern vor meinem eigenen Mut und der Aussicht auf eine radikale Wende in meinem Leben stieg ich ins Bett und fiel bald in einen unruhigen Schlaf, sosehr wurde ich von den neuen Aussichten bedrängt; phantastische Träume von Malakademien, Künstlerateliers, Vernissagen, Feiern mit anderen Künstlern und, wer weiss, gar mit attraktiven Aktmodellen folgten einander in wirrem Flug und meine Erwartungen am nächsten Morgen stiegen ins Unermessliche. Wer weiss, vielleicht steckte gerade in mir, der ich ein Unverbildeter in jeglicher gestalterischer Hinsicht war, ein riesiges Talent, womöglich war ich derjenige, auf den die Kunstwelt sehnsüchtig gewartet hatte und der diese Welt revolutionieren würde, vielleicht gerade als einer, der die unterschiedlichsten Medien in kürzester Zeit beherrschen und fruchtbar machen würde, denn wie ich vor dem Löschen des Nachttischlichts in meinem Taumel noch mitbekommen hatte, wurden Kurse in einem grossen Fächer von Themen angeboten: Malen, Zeichnen, Video, Installationen, Projektanimationen, Konzeptentwicklung, Kulturvermittlung, Karriereplanung, Marketing und viele weitere Kurse – den Rest vermochte ich gar nicht mehr zu fassen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen berichtete ich meiner Frau vom erwähnten Brief und der höchstpersönlichen Einladung und erwähnte auch meine Ideen, die zwar noch nicht zu eigentlichen Plänen gereift waren, sich aber doch schon soweit konkretisiert hatten, dass ich gewillt war, mich noch am gleichen Tag für ein Vorstellungsgespräch anzumelden. Nachdem ich ihr alles eröffnet hatte, kam es zu einem längeren Schweigen. Ich selbst hatte nichts weiter zu sagen, und die Wortlosigkeit meiner Frau schrieb ich der morgendlichen Stunde zu, in der sie noch nie die Gesprächigste gewesen war.

Umso härter und unerwarteter traf mich ihr abruptes «Bist du verrückt geworden?» Ihre Worte waren Beweis reinen Unverstandes. Ich glaube, ich liebe meine Frau und schätze ihr sorgsames Wesen; ich halte unsere Ehe auch für eine in guten Gewässern dahinplätschernde Beziehung ohne grosse Turbulenzen, wofür ich durchaus dankbar bin. Meine Frau ist eher praktisch begabt, und ihr Geist bewegt sich in denselben Gefilden, und so hätte ich mir ausdenken können, dass sie nicht sogleich auf meine Begeisterung einsteigen würde – aber dieses grobe Abschneiden meines Phantasiestromes brachte mich doch aus der Fassung, und ich hätte das Gespräch am liebsten beendet, bevor es angefangen hatte.

Ich hielt nicht zurück im Ausdruck meiner Enttäuschung und fragte meinerseits, missmutig geworden – bei mir schlägt unerwiderte Begeisterung rasch in Ärger um –, nach dem Grund ihrer vollkommen deplatzierten Bemerkung.

«Eine Vollschnapsidee! Wie kommst denn du darauf? Du hast doch, seit ich dich kenne, noch nie gezeichnet oder gemalt oder sonst irgendetwas in der Art gemacht – und hast auch überhaupt nichts Künstlerisches an dir.»

Letzteres empfand ich in gewissem Sinne als Beleidigung, denn unterschwellig gab mir meine Frau damit zu verstehen, dass ich offenbar von der langweiligen Sorte sei. Ich protestierte also, und sie verwahrte sich wiederum dagegen, es abschätzig gemeint zu haben. Ich meinerseits hielt fest, dass im ganzen Prospekt nicht von Vorkenntnissen die Rede sei und man anscheinend auch ohne Prüfung in den Kurs einsteigen könne. Eine Anmeldung zur rechten Zeit reiche.

Meine Frau meinte – ohne den mindesten Blick auf die an mich und nur an mich adressierte Einladung zu werfen – das sei doch Schlangenfängerei, Geldmachen mit Dummköpfen, und sie wundere sich, dass ich so leichtgläubig sei. Wie ich denn das überhaupt mit meinem Job vereinbaren würde. Sie gehe im Übrigen davon aus, dass solche Ausbildungen eine Stange Geld kosteten, und woher wir das nähmen. Ich opponierte und meinte, da sei ja etwas auf der Seite, und alle Welt kosteten akademische Kurse nicht. Natürlich nicht, gab sie zurück, und gegen einen Hobbykurs in Malen oder Basteln habe sie nicht das Geringste, das hätte ich schon längst tun können, aber damit werde man sicher nicht berufsmässiger Künstler.

Sie nahm also mein Ansinnen und meine hoffnungsvollen Pläne überhaupt nicht ernst, war in keiner Weise bereit, mich in meinen neuen Perspektiven zu unterstützen, sondern vergällte mir im Gegenteil jegliche Freude und Zuversicht. Ich hielt dagegen, dass mir in meinem ganzen Leben noch niemand einfach so und zum Vorneherein möglicherweise in mir schlummernde Begabungen abgesprochen habe und gab mir keine Mühe mehr, meine Enttäuschung über ihr Unverständnis zu verbergen.

Das schien sie gar nicht von ihrem Kurs abzuhalten, denn sie gab noch eins drauf und versuchte mich mit dem Hinweis schachmatt zu setzen, dass die mittlerweile erkleckliche Summe, die wir nach und nach auf die Seite gelegt hatten, nicht dafür gedacht war, auf derart frivole Weise zum Fenster hinausgeworfen zu werden, sondern dass doch die beiderseitige Absicht bestand – und ihrerseits immer noch bestehe – bald, das heisst, am liebsten noch im laufenden Jahr, einen Camper zu beschaffen, da wir beide das umständliche Zelten und die damit verbundene Mückenplage satt hätten.

Das eine würde das andere doch nicht ausschliessen, widersprach ich, denn gerade auf Reisen würden sich sicherlich die idealsten Motive zur künstlerischen Gestaltung wie von selbst anbieten. Ich merkte allerdings selbst, dass meine Stimme an Überzeugungskraft verloren hatte und dass ich mich bereits auf einer Rückzugslinie befand. Und schon begann ich mich über mich selbst zu ärgern, was meine Sache nicht besser machte.

Was bedeutete ein Camper gegen die Chance, Künstler zu werden – mit eigenem Atelier, mit Galeristen, die sich um meine Bilder stritten, mit Anfragen von Museen und Eventlokalen! Der Vergleich war geradezu lächerlich, und einen Camper zu fahren war doch das Spiessigste, was ein Mann in meinem Alter erstreben konnte. Innerlich musste ich zwar zugeben, dass ich die Aussicht auf einen edlen Camper – vielleicht ein günstiges gebrauchtes Objekt – bis dahin genau so wie meine Frau als einen grossen, ja als unseren grössten Traum betrachtete, einen Traum, der mit etwas Glück sogar zu realisieren war.

Nur: Ein Camper versprach zwar unendliche Reisemöglichkeiten, grenzenlose Freiheiten, ungeahnte Erlebnisse – aber bei allen Verheissungen würde ich derjenige bleiben, der ich war: Controlling-Mitarbeiter im Finanz- und Buchhaltungsressort einer mittelgrossen Möbelbeschlagzuliefererfirma. Als ausgebildeter und diplomierter Künstler aber würde mir eine noch viel grössere Welt offenstehen, eine Welt, die mit keinem noch so wendigen und geländegängigen Camper je zu erreichen war.

Viele Worte wechselten wir nicht mehr, meine Frau und ich, denn es war höchste Zeit und die Arbeit rief. Missmutig verbrachte ich den ganzen Tag an meinem Arbeitsplatz. Am Abend waren wir beide einsilbig; ich schützte Kopfschmerzen vor und ging früh zu Bett; meine Frau widmete sich der neuen Folge ihrer Lieblingsserie. Auch am nächsten Tag sprachen wir wenig und wichen einander aus, dann normalisierte sich unser Alltag wieder. Unterdessen hatte ich die Künstlerpläne ad acta gelegt. Den an mich persönlich adressierten Brief zum Altpapier geworfen. Mit Bitternis im Herzen.

Wir sprachen nie mehr davon. Und kauften im folgenden Winter einen günstigen und komfortablen Camper, den wir nun am Einrichten sind. Er hat eine besonders grosse Reichweite. Vielleicht werden wir es einmal bis Feuerland schaffen. Ich vergass bald jene durch den Brief ausgelöste Aufwallung und bereue auch den Camperkauf nicht. Nur ganz selten – meist in einer romantischen Landschaft oder bei dramatischer Gewitterstimmung in den Bergen oder beim abendlichen Blick auf eine fremde Stadt – werde ich daran erinnert, dass ich nie ernstlich meine künstlerische Begabung, die man mir ja in jenem Brief eindeutig attestiert hatte, in die Tat umgesetzt habe.