Kurzgeschichten

An der Schwelle

Er hatte es gewusst. Das Ganze war von Anfang an ein Fehler
gewesen, und nun konnte er nicht mehr zurück. Er steckte auf der
Fähre fest, irgendwo auf einem Zwischenboden; der Motor des
Schiffes hatte schon die längste Zeit gebrummt; nun aber liess sein
Hämmern das ganze Schiff erzittern – es musste abgelegt und Brindisi
verlassen haben. Waldmann hatte sich vorgestellt, diesen Moment
oben auf Deck zu verbringen, vorn, am Bug, hinauszuschauen aufs
Meer, in den abendlichen Dunst, gen Osten, wo die Nacht heraufkommen
würde, oder hinten, wo die Abendröte über der dunklen
Stadt leuchten musste, wo die Segelschiffe im Hafen …

Stattdessen war er eingekeilt in diesem Zwischendeck,
eingekeilt zwischen Koffern, Rucksäcken, Taschen, Kindern, Radios
und Leuten, die hin- und herdrängten und ihre Kabine suchten.
Waldmann war eben bei der seinigen angekommen und kontrollierte
die Nummer nochmals auf der Fahrkarte. Waldmann stolperte über
die Schwelle, zum zweiten oder dritten Mal schon war er gestolpert,
weil das Schiff nicht normale Schwellen, sondern erhöhte Metallrahmen
aufwies. Waldmann kam aus den Alpen; die Vergnügungsschiffchen
auf jenen Gewässern benötigten keine besonderen
Schutzmassnahmen gegen schwere See.

In der Kabine war es stickig. Schlimmer, im Halbdunkeln
sassen ein paar Männer, drei, und ein Frau; alles war belegt mit
Taschen und Schuhen, es roch nach Bier, die Männer hielten alle eine
Büchse in der Hand; die Frau hatte sich halb auf eine Koje hingequetscht
und schmuste an einem der Männer herum.

“Skol”, rief einer, als er Waldmann sah und nahm die Büchse
an die Lippen. Waldmann wusste nicht mehr weiter. Er hatte einen
Rucksack bei sich, der ihm schon genug schwer geworden war und
den er nirgends hinstellen konnte. Es war seine Kabine. Er war hier
richtig. Eine Viererkabine. Waldmann zeigte auf die Kojen und
nestelte an seinem Ticket herum.

“You wanna Beer?”, fragte einer der Blondschöpfe.
Waldmann schüttelte den Kopf und zeigte nochmals auf die
Koje. “It’s my place, one of these … You …”
“Easy, man”, nickte ein anderer mit belegter Zunge, doch
freundlich, “welcome, take a seat, skol!”

Es mussten Schweden sein, angetrunkene Schweden. Und:
Einer war zu viel. Waldmann wies nochmals auf die Koje und
brachte irgend etwas of a four-place-cabin hervor, da fragte einer der
Männer: “Above or below? Heaven oder Hell?”

Waldmann entschied sich für die obere Koje, worauf einer der
Schweden aufstand und die auf dem Laken liegende Reisetasche und
eine Art Seesack auf die gegenüberliegende Pritsche wuchtete.
Waldmann stolperte über die schweren schwarzen Schuhe von einem
der Schweden, zog seinen Rucksack von den Schultern und stemmte
ihn über die Kojenkante. Der Rücken schmerzte. Es war ein Fehler
gewesen; das ganze Unternehmen war ein Riesenfehler. Waldmann
blieb ratlos stehen. Er hatte kaum Platz für seine Füsse zwischen all
den Beinen und Taschen der Schweden. Er wusste nicht einmal, wie
er zur Koje hochgelangen würde; irgendwo musste eine Leiter sein,
irgendwo. Aber an Schlafen war nicht zu denken, aus einem Player
klang greller Sound, ein Mann sang unablässig: “You wanna know,
what is Punk, so this is Punk, this is Punk, you wanna know what …”

Waldmann floh. Nochmals stolperte er, über Beine, Taschen,
die Metallschwellen, durch den neonbeleuchteten Gang, drängte sich
an schwatzenden und gestikulierenden Leuten vorbei, kam an eine
Treppe, gelb erleuchtet, stieg hinauf, immer hinauf, hier konnte er
wenigstens etwas Luft atmen, frischere Luft, weiter hinauf, durch
einen Gang, verwinkelt, weiter hinauf, bis er endlich auf dem Deck
anlangte. Er hielt sich am Geländer fest. Die Nacht war bereits
angebrochen. Dunstschwaden zogen vorbei; die Luft war lau, aber es
war windig, denn das Schiff war bereits weit vom Hafen entfernt und
hatte an Tempo zugelegt. Der Motor brummte, es roch nach Dieselöl.
Sterne waren keine zu sehen, Richtung Bug war Nacht, Richtung
Heck zeigte sich noch ein unbestimmter Streifen Abendrot. Waldmann
bewegte sich an den wenigen Reisenden vorbei, die hier oben
standen, nach hinten. Hier zog sich das Deck bis zur anderen Seite
hinüber und lag im Windschatten der Brücke und des Kamins, dafür
war das Dieselöl deutlicher zu riechen. In einer Reihe von mit
Gittern verschlossenen Boxen lagen Hunde. Einer jaulte leise vor sich
hin. Die Küste war nur noch undeutlich zu sehen, einzelne fade
Lichter verloren sich im Dunst.

Er konnte nicht mehr zurück. Und er wollte auch nicht mehr
zurück. Waldmann hatte sich zur Reise entschlossen, denn was hinter
ihm lag, war ihm unzugänglich geworden.
Er ging auf der anderen Seite der Reling entlang in Richtung
Bug. Hier war er allein. Silbern schimmerten einzelne Schaumkronen
im schwarzen Meer. Das Schiff schnitt in die weite Fläche, zerteilte
sie, wie wenn es einen Abgrund öffnen wollte, und Waldmann kam
es mit einem Mal vor, als ob er allein auf einem überdimensionierten
Nachen dahineilen würde, von einem unsichtbaren Fährmann gelenkt,
als ob das Schiff es eilig hätte, ihn vom bebauten und bewohnten
Land hinwegzuführen, zu entführen in eine ewige Schattenwelt.
Waldmann wusste nicht, ob er sich ängstigen oder im Gegenteil
freuen sollte, diese Schatten zu erkunden, denn im Grunde hatte er
einen Grossteil seines Lebens damit zugebracht, den Nachlass dieser
Schatten, dieser ihm vorangegangenen Schatten zu pflegen.

Waldmann drehte sich um und suchte nach der Treppe. Er
hatte Hunger. Er stieg hinunter, schritt die Gänge ab, gelangte auf das
Hauptdeck, wo die Laster und Personenwagen, die Vans und
Motorräder eng parkiert waren. Hier stank es nach Benzin und
Gummi, und die Luft war schwül. Waldmann kehrte um und suchte
weiter, fand aber kein Restaurant, sondern lediglich eine Art Kiosk
oder Bar, wo Hot Dogs und Fertigpizze zu kaufen waren. Immerhin
konnte er hier sein Bier aus einem Glas trinken. Nachdem er
Mikrowellenspaghetti gegessen und sich an der Bar ein zweites Bier
geholt hatte und ihm die Frau mit den langen schwarzen Haaren ein
flüchtiges Lächeln geschenkt hatte, war er sogar bereit, sich mit allem
halbwegs zu versöhnen, selbst mit den sperrigen, kahlrasierten
Schweden unten irgendwo in der Viererkabine, denn immerhin hatten
sie ihm eine Büchse Bier offeriert. Er war müde, doch er zögerte den
Zeitpunkt hinaus, an dem er hinuntergehen musste und trank langsam
eine drittes Glas, das ihn noch schläfriger machte. So war vielleicht
sogar die Punk-Musik zu überstehen.

Die ganze Nacht schlief er schlecht; die ganze Nacht brannte
das bleiche Neonlicht; das Brummen und Vibrieren des Motors hielt
ihn wach, das Schnarchen der Schweden, das Pärchen in einer der
Kojen, das schnurrte und flüsterte, immerhin ohne Punk-Musik. Es
hatte sogar eine Leiter dagestanden; die Schweden waren halb so
schlimm.

Trotzdem. Waldmann wusste, warum er nie gereist war. Am
nächsten Morgen war er früh auf den Beinen; er fand eine Dusche,
rasierte sich; sogar die WC-Schüssel war noch halbwegs sauber.
Wieder stieg er hoch zum Oberdeck. Er liess sich auf die Planken
nieder und blickte die längste Zeit übers Meer. Wie Odysseus.
Vielleicht war es doch keine schlechte Idee gewesen. Wenn er so
dahockte, dann konnte er sich den ganzen Kram in der Fähre
wegdenken und vorstellen, auf einem leichten Segler durch das
Ionische Meer zu kreuzen. Die Insel am Horizont könnte sogar Ithaka
sein, Odysseus’ Heimat. Der Morgenhimmel leuchtete, die Morgengöttin,
Eos. Waldmann fuhr gegen Osten, dem Licht entgegen, das
ihn erleuchten sollte. Vielleicht war das der Grund gewesen für seine
Reise. Er, der nie gereist war, der nie im Süden war, nie in Griechenland,
sich nie durchs Mittelmeer hatte schiffen lassen, er war endlich
aufgebrochen; es war ein Drang gewesen, den er nicht an irgend einer
Idee, an einem Ziel hatte festmachen können.

Er war aufgebrochen, dahin, wovor es ihm immer gegraut
hatte, in den Süden, wo Millionen von Touristen in Millionen von
Automobilen auf Tausenden von Schiffen und Flugzeugen sinnlos
hinfuhren, um sich an die Strände zu legen und braun braten zu lassen
oder in irgendwelchen Tavernen Pasta oder Pizza oder Mousaka oder
Kebab oder Falafel in den Mund zu schieben; er war aufgebrochen in
diese Gegend, die er sich bis jetzt in seinem Geiste als ein Land der
Seligen, als ein griechisches Elysium bewahrt hatte, wo der menschliche
Verstand, der Witz und die tiefe Erkenntnis geboren worden
waren, wo Dichtung und Skulptur, Architektur und Mathematik in
der Morgenröte erwacht waren und zu ihrer ersten und grössten, nie
wieder erreichten Blüte gefunden hatten. Das alles hatte er sich nicht
zerstören lassen wollen durch die dumpfen Menschenmassen, die mit
massiger technischer Wucht leerem, trägem Sonne-Sand-und-Meer-
Erleben entgegentrieben. Das alles kannte er aus tausend Geschichten,
aus tausend Bildern, die jene Poeten und Philosophen und
Vasenmaler zu ewigem Leben gestaltet hatten.
Waldmann war Altsprachler. Er hatte Latein und Griechisch studiert,
dazu Alte Geschichte, war entsprechend in den Schuldienst eingestiegen
und hatte seinerseits die Jugend in den Schriften und im
Denken der Alten unterrichtet. Waldmann hatte sich in jungen Jahren
begeistern lassen von den antiken Heldensagen und den Göttergeschichten.
Die Götter und deren Leidenschaften waren Sinnbild,
waren geistige Vorstellung der weiten, reichen Natur und der tiefen
menschlichen Seele, in der die gleichen Leidenschaften wogen.
Damals sehnte sich auch Waldmann nach dieser Leidenschaftlichkeit
und formulierte diese Sehnsucht in etlichen Reden und Briefen an
zarte Frauenseelen, erfuhr aber nur Unverständnis und allerhöchstens
spöttisches Lächeln.
Doch Waldmann war nicht bereit gewesen, sich den gewöhnlichen
Liebeleien anzupassen, die entweder nur allzu rasch verflossen
oder in ein dumpfes bürgerliches Alltagsleben übergingen. Waldmann
begehrte ein Leben, das von der Glut des Eros, von der
Üppigkeit der Artemis oder der Ceres, vom Wagemut des Mars, von
der Durchtriebenheit des Hermes beseelt war. Doch die Zeit, in die
er geworfen worden war, war nicht bereit, ihm diese Leidenschaften
zu bieten, und Waldmann war ebensowenig bereit, sich auf die lauen
Kompromisse des so genannten modernen Lebens einzulassen.
Waldmann entstammte keineswegs weltmännisch-gebildeten
Kreisen, sondern kleinbürgerlich-voralpinen Verhältnissen. Er war
ein Hinterwäldler, und entsprechende Hänseleien blieben ihm nicht
erspart, wurden aber leiser, als er unbestritten Klassenbester in den
Sprachen – vor allem den alten – war. Und vielleicht verband sich die
antike Mythologie, verbanden sich die vielen Quellnymphen,
Flussgötter, Wassernixen, die göttlichen Herrscher der himmlischen
Gestirne besonders innig mit seiner Seele, weil sein ländlicher
Ursprung der Mutter Erde, Gaia, besonders nahe gestanden hatte.
Umso distanzierter, misstrauischer, ja abgeneigter war er den
Errungenschaften der Technik, dem eisernen Zeitalter gegenüber. Er
fuhr kein Auto, besass keinen Fernseher, benutzte motorisierte Geräte
nur allerseltenst; da er deren Krach verabscheute. Seine Beine
reichten ihm, sie führten ihn wohin er wollte; Bücher waren seine
steten Begleiter; sie waren still und diskret und darum umso geheimnisvoller.
Waldmann musste zur Erkenntnis kommen, dass diese Ära,
die sich die Moderne nannte, stoisch zu ertragen war, bis wieder
einmal eine goldene, heitere, leuchtende Zeit anheben würde; dann
würden nicht billige Neonvergnügungen, sondern Geist und Weisheit,
Kunst und Kultur hell erstrahlen.
Waldmann unterwarf sich einer von der Welt auferlegten oder
vom Schicksal erzwungenen Askese. Er ging seinen Weg, hielt sich
an seine Pflicht. Nur: Waldmann liess es sich nicht nehmen, von den
versunkenen goldenen Zeiten zu schwärmen. Er konnte im Kollegenkreise,
vor allem wenn er dem Rebensaft zugesprochen hatte,
Tiefsinniges von sich geben und zu beachtlicher Wortgewalt
auflaufen, so dass manch einer dachte, ein Dichter oder zumindest ein
Rhetor sei an ihm verloren gegangen. Wenn er Prüfungen korrigierte,
fügte er den Noten nicht selten historische Anmerkungen, philosophische
Betrachtungen, ja gar poetische Verse hinzu, was ihn allerdings
in die Schusslinie des Rektorats brachte, das fürchtete, der in die
Jahre gekommene Hagestolz könnte seinen Schülerinnen zweideutige
Anträge machen.
Waldmann beschied sich. Und sass auf verlorenem Posten.
Immer weniger Schüler entschieden sich für Altertum und alte
Sprachen; der grösste Einbruch war zu verzeichnen, als die Mediziner
sich dem windigen Englisch an den Hals warfen und das exakte
Latein vor die Tür wiesen. Waldmann musste um seinen Lehrauftrag
fürchten.
Doch er harrte aus. Wenn die Welt immer kulturärmer und
geistloser wurde, so wurde Waldmann immer geistiger, geistvoller,
immer ziselierter in seiner Rede und Schreibe. Immer umständlicher,
immer ausgefeilter, so dass manch einer nicht mehr verstand, was
Waldmann meinte, begehrte oder von sich wies. Das allerdings war
auch Frucht seiner Einsicht, nichts mehr begehren zu wollen, nichts
mehr ersehen zu müssen, sondern sich stoisch ins Unvermeidliche zu
schicken, in den Niedergang des Abendlandes, in den kultivierten
Rückzug vor dem müden Plätschern der Geistlosigkeit.
Selten, selten nur brach er mit diesem Verzicht: Dann gab er
sich dem Trunke hin. Das konnte in den Schulferien geschehen.
Wenn alles in den Urlaub fuhr, dann opponierte er. Er verzog sich in
die Dunkelheit, besuchte wahllos die verschiedensten Brasserien,
Tavernen, Kneipen, trank den feinsten Burgunder, den schwersten
Rioja, den üppigsten Champagner, trank den billigsten Algerier, trank
helles, dunkles, kaltes, laues Bier, jedes Bier, das er in einem
Wirtshause fand, trank edelsten Cognac, trank übelsten Fusel, zechte
und becherte in alle Nächte, allein oder in Gesellschaft, hielt in
Bierhallen Reden zum Tage, sang auf dem Nachhauseweg altdeutsche
Lieder oder Gassenhauer, pöbelte am Bahnhof und an den Bushaltestellen
mit den dort ansässigen Trinkern herum und musste mehr als
einmal von der Polizei in die eigenen Gemächer gefahren oder – wenn
es mit Waldmann noch schlimmer gekommen war – ins Ausnüchterungsbett
des lokalen Spitals geliefert werden.
Wenn er dann vor sich hin jammerte, kleinlaute Reden über
das trunkene Elend hielt, wenn er gelobte, nie wieder jenem üblen
dionysischen Verführer über die Wege zu laufen, wenn er über seine
Kopfschmerzen schimpfte, wenn er aus einer Tasche seines zerknitterten
Anzuges eine Ausgabe Catullscher Gedichte zog und
seinen Lateinlektionen vorbereiten wollte, konnte man Waldmann
getrost wieder nach Hause entlassen.
Nicht immer opferte er dem letzten Gott, dem aus dem
Schenkel des Zeus geborenen Dionysos, manchmal auch dem
Erstgeborenen, dem die Sinne verwirrenden Eros. Dann trank er sich
höchstens, allerhöchstens ein Schwipschen an, allerhöchstens, um in
Schwung zu kommen und den Mut nicht zu verlieren, denn dann ging
es zu den rotlichtigen Häusern, dahin, wo die Hetären wohnen, die
Jüngerinnen der Lust. Dort war Waldmann keineswegs von der rauen,
ordinären Sorte, sondern gepflegt, liess Speisen liefern und lud die
Damen zu bestem Essen ein, liess gereifte Weine entkorken, feierte
heitere Abende, und wer von den Damen sich dazu keine Zeit
nehmen und rascher den Geschäften nachgehen wollte, wurde nie
wieder eingeladen. Waldmann war dann ein heiterer und unerschöpflicher
Liebhaber, verbannte jede zwielichtige Atmosphäre, sondern
gab den nächtlichen Leidenschaften den Glanz kultivierter Spiele.
Manch eine der Damen nahm ihn, den kleinen Waldmann, von der
drolligen Seite, und doch musste jede zugeben, selten einem so
vornehmen Verehrer begegnet zu sein, der sie nicht als schlüpfrige
Dienerin nahm, sondern als Liebesgöttin verehrte.
Es nützte nichts. Waldmanns Kultivieren des letzten antiken
Glanzes war ein verlorener Kampf. Waldmanns Künste waren nicht
mehr gefragt. Es brauchte keine Altsprachler mehr. Man strich die
Stunden; Waldmann wurde pensioniert, sogar noch vor der Zeit.
Schon schien die Sonne weit über dem Horizont, als sich bei
Waldmann wieder der Hunger meldete und er sich auf den Weg zum
Schiffskiosk machte. Nun waren bedeutend mehr Leute da; man stand
Schlange vor der Bar, und die einzige Kellnerin hetzte hin und her.
Kleidungsstücke und Sonnencremeflaschen lagen vorsorglich auf den
Stühlen. Waldmann fand einen freien Platz und liess sich nieder. Die
Ferienreisenden in der Schlange waren schon erwartungsfroh
mediterran gekleidet: strandmässig, in knappen Shorts, noch
knapperen T-Shirts, mit Strandhüten und Sonnenbrillen, obwohl es
in dieser Schiffsbar alles andere als sonnig war.
Waldmann sass auf seinem Stuhl und rund um ihn irrten die
Leute mit ihren Tabletts voller Essen und suchten ihre Plätze. Bereits
türmten sich Abfälle auf den Tischen. Die Leute schleppten die
Tabletts auch über die Treppen hinaus, irgendwo zu ihren Autos; der
Lärm war unerträglich. Hungrige oder gelangweilte Kinder rannten
herum, stiessen die Abfälle von den Tischen.
Das Schlimmste realisierte er erst mit der Zeit: Als sich
Waldmann einigermassen gefasst hatte, erkannte er, woher zusätzlicher
Lärm kam: An der Wand gegenüber der Bar befanden sich
Video-Screens, und darauf wurden die Sehenswürdigkeiten Griechenlands
gezeigt, mit dem Hinweis: “Live-cams – real-time: Enjoy your
holiday in Greece! – Visit the highlights!” Die Bilder zeigten den
Parthenon in Athen, das Orakel in Delphi, das Asklepion in Epidauros,
das Löwentor in Tiryns, zeigten in Echtzeit all die Touristenorte,
nein, all die antiken Heiligtümer, Waldmanns private Heiligtümer,
die er im Kopf genau gespeichert hatte, die er kannte und liebte, und
überall standen Menschen Schlange, überall zeigten sich die alltäglichen
Morgentouristen, genau so wie hier in dieser Schiffskantine.
Überall Warteschlangen, Souvenirverkäufer, Eiscremestände,
Touristen in Shorts und mit Sonnenhüten, überall wartende Mütter
mit Kinderwagen und quengelnden Sprösslingen, überall Kolonnen
von Touristen aus der ganzen Welt, überall Schalter für Eintrittskarten,
überall die Sehenswürdigkeiten, die jeder kennt und niemand
zu besuchen braucht.
Die Kameras schwenkten über die verschiedenen Plätze,
zwischendurch war nur die Landschaft zu sehen, zwischendurch
konnte man sich einbilden, die Tempel und Ruinen, die Theater und
Palastmauern seien wieder in ihren ewigen Schlaf versunken, doch
ein kleiner Schwenker nur, und die Massen der Menschen wogten
erneut über den Bildschirm.
Waldmann erschrak. Er hatte gewusst, dass es ein Fehler
gewesen war, dass sein Aufbruch nirgendwohin führte, jedenfalls
nicht dahin, wo er hinwollte; er wusste aber nicht, wohin er wollte,
es war einerlei, er hatte kein Wohin, und das Woher, das Zurück war
ihm versperrt. Waldmann erhob sich und floh, hinaus, hinauf über die
Treppe, hinauf und hinaus auf Deck. Die Fähre war immer noch in
Fahrt. Doch voraus war Land zu sehen. Land. Waldmanns Rettung,
der Peloponnes, Patras, der erste Hafen, die Rettung. Er brauchte
nicht bis Athen, bis Piräus zu fahren, brauchte nicht nochmals
Stunden in diesen Unerträglichkeiten zu verharren, er konnte an
Land; in Patras konnte er das Schiff verlassen.
Waldmann eilte wieder hinunter, suchte seine Kabine, suchte
sein Gepäck – die Schweden waren mittlerweile ebenfalls erwacht
und halbwegs aufgestanden, waren wortkarg, Kater vermutlich,
Waldmann war froh: keine unnötigen Gespräche, keine Freundlichkeiten,
keine Bierbüchsen -, alles lag kreuz und quer herum, Waldmann
suchte sein Rasierzeug, seinen Nachtanzug, warf seine Habe in
den Rucksack und schnürte ihn zu. Verabschiedete sich flüchtig, war
bald wieder an Deck und harrte auf das Landen der Fähre in Patras,
ja er erwog sogar, vom Schiff zu springen und an Land zu schwimmen,
um der unerträglichen Langsamkeit des Anlegemanövers
ausweichen zu können. Mit knirschenden Zähnen musste er akzeptieren,
dass erst die Autos und Laster die Fähre verlassen durften, was
nochmals unendlich lang dauerte, bevor die wenigen nicht motorisierten
Fahrgäste an der Reihe waren.
Dann endlich war er erlöst von dem riesigen Kahn. Doch
Waldmann hatte schon zum voraus gewusst, dass die Erlösung nur
von kurzer Dauer sen würde, denn im Hafen dasselbe: Touristen,
Autos, Reisebüros, Ticketschalter, Lärm, manövrierende Laster, Instantfotografen,
die auf einen Auftrag hofften, streunende Hunde.
Waldmann irrte herum und kam schliesslich zu einer ganzen
Reihe von Bussen, alle in verwittertem Blau, alte Modelle, keine
dieser Touristenbusse, sondern irgendwelche lokale Transporter. Er
bestieg wahllos einen davon, hielt dem Chauffeur Geld hin, dieser
nahm eine der Noten; Waldmann wartete gar nicht auf das Herausgeld,
sondern ging nach hinten, wo niemand sass. Der Motor
brummte, aber sonst war Ruhe. Waldmann quetschte sich auf einen
Sessel und warf den Rucksack zu Boden.
Er lehnte sich zurück und versuchte zu dösen. Er würde
einfach im Bus sitzen bleiben. Immer. Ewig. Er hatte kein Ziel, er
brauchte nirgends hinzufahren, nichts hatte einen Sinn, Kein Ort hatte
einen Sinn. Sie hatten ihn vor die Tür gestellt, hatten sogar – was ihm
egal war – noch etwas von seiner Pension gestrichen. Am Ganzen
hatte es ohnehin nichts geändert. Waldmann hatte seinen Kampf
verloren. Die alte Welt war dahin. Und die neue ebenfalls, und wenn
je noch ein Zweifel darüber geherrscht hatte, so war er diese Nacht
geschwunden.
Die Welt war verdorben. Und – sie brauchte keinen Waldmann.
Der Bus konnte fahren wohin er wollte, auch in die Hölle.
Schlimmer konnte diese auch nicht sein als ein Touristenschiff. Der
Bus kurvte erst kompliziert durch Patras, fuhr dann auf der Landstrasse,
hielt bei jedem Weiler, bog schliesslich nordwärts ab und
überquerte auf einer lange Brücke die Meerenge. Waldmann schaute
zum Fenster hinaus. Tankstellen, Restaurants, Bauerngehöfte,
Industrie, zwischendurch Baumplantagen, Orangen, Oliven, und
Reisfelder. Bei einem verlassenen Hof hielt der Bus erneut. Wald
mann änderte seinen Entschluss und stieg aus. Er konnte auch zu
Fuss weiter. Hier oder irgendwo. Der Bus fuhr davon, und Waldmann
nahm eine staubige Landstrasse unter die Füsse. Hier oder irgendwo
oder nirgendwo. Er bog von der Strasse ab. Ein kaum erkennbarer
Weg zog sich hügelan. Einzelne Häuser waren in der Ferne zu sehen.
Die Erde war hier nur spärlich bewachsen; einzelne Bäume standen
verloren herum. Die Sonne brannte. Waldmann wanderte. Weiter
links war in einiger Entfernung ein Gemäuer zu sehen. Waldmann
hielt querfeldein darauf zu. Alte Mauern, hinter einem hohen,
rostigen Zaun. Waldmann folgte dem Zaun. Von der anderen Seite
her erwies sich das Gemäuer als halbrunde treppenförmig ansteigende
Anlage. Für Waldmann keine Frage: Ein antikes Theater mitten in der
Landschaft. Waldmann wusste auch den Namen des Theaters.
Pleuron. Er kannte alle archäologischen Stätten Griechenlands und
ihre geographische Lage. Pleuron. Hellenistisch. Nichts Grossartiges.
Und erst noch eingezäunt. Dafür ohne Touristen. Waldmann kletterte
mitsamt Rucksack über den Zaun und setzte sich auf eine der Stufen.
Im Dunst sah er die spiegelnde Wasserfläche der Lagune und
weiter hinten des ionischen Meeres. Waldmann war am Ende. Er war
in Griechenland. In jenem einsamen Griechenland, das er sich
erträumt – und wo er nichts zu suchen hatte, in jenem Griechenland,
das längst versunken war, das von ein paar deutschen und englischen
Romantikern vor langer Zeit nochmals beschworen wurde. Es war
tot. Pleuron war tot. Die griechische Dramatik war tot.
Und er selbst – er war verloren. Er hatte nichts mehr zu tun,
nicht mehr zu sagen; das was er zu sagen hatte, war bedeutungslos.
Sie hatten ihn aus der Schule geworfen. Vordergründig nicht.
Vordergründig hatten sie ihn pensioniert. Emeritiert. In Würden.
Hintergründig hatten sie die Gelegenheit gepackt und ihn abgesägt.
Er hatte nichts mehr zu suchen, hier nicht und nirgendwo. Das
Theater war stumm, die Mauern waren stumm, keine Schauspieler,
keine Zuschauer. Niemand. Nichts. Waldmann erhob sich und
kletterte wieder über den Zaun. Nichts. Die Sonne brannte, und
Waldmann wandte sich bergwärts, zog aus und stieg den Berg hinan.
Er schwitzte, hier war kein Baum mehr, fand sich kein Schatten. Der
Marsch und die Hitze betäubten seine Gedanken; er kam ins KeuAndreas
Köhler / An der Schwelle 12
chen, kletterte weiter hinauf, das Gelände war nicht besonders steil,
aber steinig und unwegsam. Und Waldmann stieg bergwärts, stieg
hinan. Er schwitzte und er hatte Durst. Er hatte nichts bei sich, nichts
zu trinken. Und Waldmann stieg und stieg, und er stolperte und stieg
weiter bergwärts. Auf den Arakinthos. Waldmann kannte sich aus.
Geistig. Waldmann stieg und stieg und gelangte auf die Kuppe.
Nichts war hier, und Waldmann schwitzte und war am höchsten
Punkt angelangt, rundum Dunst, immerhin war noch die Lagune zu
sehen: Sie glänzte weit in der Ferne; sie gehörte nicht mehr zu seiner
Welt.
Die Sonne brannte, und Waldmann war ausgetrocknet, und sie
brannte und zog gemächlich ihren Lauf, über den Himmel, Helios auf
seinem Sonnenwagen, und Waldmann haderte mit der Sonne und
dem Licht, dem sinnlosen, das eine Welt beschien, die ihn nichts
mehr anging, Waldmann schrie in die Sonne hinauf, schrie zum
Helios, er möge ihn doch endlich verbrennen, er möge ihm die Seele
aus dem Körper trocknen, möge ihn zu einem der Steine vor ihm
verwandeln, zu roter Erde, er möge ihn versengen, spurlos, er möge
all die anderen Götter herbeirufen, die er sein Leben lang verehrt, die
er heraufbeschworen hatte – und die ihn verrieten; Waldmann schrie,
warf seinen Rucksack von sich, schüttelte die Faust, doch Helios gab
keine Antwort, sondern lenkte weiter seine Pferde über den Himmel
und nahm keine Notiz vom schreienden Waldmann, der gegen ihn
und gegen den sich irgendwo im Norden dunstig verhüllenden Olymp
schrie und haderte und fluchte. Und Waldmann tobte, bis ihn Helios
doch besiegte und in der Hitze niederwarf, ihm das Bewusstsein
nahm und liegen liess, in der Hitze liegen liess und langsam,
gemächlich am Himmel weiterzog, die Pferde zügelte und gemächlich
dahin zog, so lange, bis es ihn gelüstete, den Wagen doch
hinunter zu lenken, gegen den Horizont, unter die Erde, zur Ruhe zu
lenken und im Abendrot und im Abendmeer zu versinken.
Und lange dauerte es, bis Waldmann wieder erwachte. Noch
war er nicht tot, noch lebte Waldmann, noch lebte er mit klebender
Zunge und heisser Stirn, noch sah er Horizont und Abendröte, noch
sah er die Lagune und das Meer und noch sah er die Niederungen, in
die er hinabsteigen würde, hinabsteigen musste, die Niederungen, die
Andreas Köhler / An der Schwelle 13
ihm vielleicht …
Waldmann dachte nicht weiter, konnte nicht weiter denken,
Helios hatte ihm das Denken ausgebrannt, und Waldmann nahm
seinen Sack wieder auf den Rücken und zog hinunter, zog zu jener
Lagune, zog zu jener Stadt, die ihre ersten Lichter zeigte, nun, da er
hinunterstieg und Helios ihn nicht mehr blendete. Dürr zog Waldmann
hinunter, dürr und gedankenlos trottete er hinunter, stolperte er
hinunter, nahm seinen Schritt wieder zusammen, hielt an seinem Ziel
fest, an den ersten Lichtern jener Stadt, und erreichte sie in der letzten
Dämmerung. Erreichte jene Stadt, die sich den ganzen Tag vorbereitet
hatte, auf ihr ganz eigenes Fest vorbereitet hatte, die feierte,
die ihren Freiheitskampf feierte, ihren verlorenen und gewonnenen
Freiheitskampf, ihren romantischen Freiheitskampf für den Aufstieg
eines neuen Griechentums. Waldmann kannte die Stadt, Missolunghi,
kannte die Verse jenes bunt kostümierten Engländers, der sein
Vermögen für die griechische Freiheitsflotte hingab.
Dürr schleppte er sich in die Stadt, die voller weiss gedeckter
Tische stand, voller üppigster Nahrung, voller Wein, voller Früchte,
voller Honig, voller Fisch und Braten und Geröstetem Fleisch.
Waldmann schleppte sich in die Stadt voller Gesang und Musik, und
Waldmann wurde an den Tisch geladen, von der Stadt, die an jenem
Abend jeden lud, jeden Wanderer und Pilger und Zigeuner und … An
den Tisch, den langen, unendlich langen Tisch wurde Waldmann
geladen, essen durfte er, trinken durfte er, er, der am Verdursten war;
und Waldmann erwachte wieder zum Leben, Waldmann trank und
ass, und Waldmanns Leib dehnte sich und blühte wieder auf, endlich
war er angekommen, dort wo er hingehörte, er, der freie Geist.
Und Waldmann trank und dankte und hielt Reden, in altem
Griechisch, Waldmann zitierte, Homer und Hesiod, Byron und
Hölderlin, Waldmann gab Sprüche zum Besten, Trinksprüche,
Waldmann dankte den Göttern, Waldmann hob das Glas und dankte
den Griechen und den Göttern und sie dankten zurück die Griechen,
und Waldmann trank und der Wein fuhr ihm in die Glieder, Waldmann
berauschte sich, die Stadt war sein Rausch, das Essen, das
Trinken, Griechenland und seine Götter waren sein Rausch; sein
Kopf, seine Seele glühte, Waldmann glühte auf, Waldmann strahlte
Andreas Köhler / An der Schwelle 14
und alle Verse und Epen strahlten durch seinen Geist. Waldmann
erhob sich und tanzte; er tanzte und der Lebenssaft floss wieder durch
seine Glieder, erlöste ihn von seiner Müdigkeit, erlöste ihn von seiner
Schwere, von seiner Wanderung, von seiner Lebensmüdigkeit, von
seinem Lebensüberdruss, Waldmann tanzte und alle Mädchen tanzten
mit ihm, alle Griechinnen tanzten mit ihm, und alle Musik spielte für
ihn, Waldmann lachte und tanzte und tanzte dem Tisch entlang,
Waldmann tanzte von einer Musik zur anderen, von einem Mädchen
zum andern, Waldmann wurde jung, Waldmann tanzte eine Jugend,
die er nie erlebt hatte; er erwachte zu einer Jugend, die ihm nie
vergönnt war, ihm der sein ganzes Leben dem Alten, den Alten
gewidmet und geopfert hatte, Waldmann tanzte dem unendlichen
Tisch entlang, weiter und weiter, und sein Tanz führte ihn ans Ende
des Tisches, ans Ende der Feier und über den Platz der Helden, der
Helden von Missolunghi, die er alle kannte, sein Tanz führte ihn zu
den Helden der Griechen, zu den Göttern der Griechen, hinaus und
hinab, hinab zum Hafen, hinaus auf die Mole, Waldmann wusste,
warum er gereist war; sie hatte er gesucht, die Helden und die Götter
des Himmels und der Erde, des Wassers und der Luft, und hinaus,
Waldmann rannte, Waldmann tanzte, seinen letzten Tanz, und sie
würden ihn aufnehmen, sie, die Götter würden richten über ihn, ihren
Helden, und würden ihn aufnehmen, ihn, den Berauschten, aufnehmen
in ihre Runde, an ihren Tisch, wo Nektar und Ambrosia
geschenkt wird, ewig geschenkt wird, hinaus und hinauf, sein letzter
Tanz, sein letzter Sprung, hinaus ins Wasser, hinauf in den Himmel,
hinunter in die schweren Steine der Mutter Erde.