… Reisen bildet. So heisst es. Selbst auf Bahnfahrten in übervollen Zügen: Da hat sich ein grosses Kind auf der Bank räkelnd breitgemacht, die Füsse auf dem Nebensitz. Gegenüber haben sich seine Gattin und die knapp erwachsene Tochter platziert. Alle fummeln an ihren Handys. Schliesslich erbittet eine junge Frau den Platz für ihre im Gang hin und her irrende Freundin. Der Mann nimmt die Bitte wortlos mit grossen Augen und offenem Mund entgegen und bequemt sich nach langem Überlegen und schwerfälligem Abdrehen des Leibes schliesslich, Platz zu machen, will aber auf keinen Fall neben der missliebigen fremden Person sitzen, und so müssen seine Damen umständlich ihre Plätze für ihn tauschen.

Auf den Gesichtern aller drei ist Empörung, Indignation, Beleidigung, Verletzung zu lesen. Hochgezogene Augenbrauen, halb gesenkte Lider, vorgewölbte, leicht zusammengepresste Lippen – Schnute nennt das die Kinder- und Anthropologensprache.

Und der Sich-in-der-Eisenbahn-Bildende fragt sich, was das denn genau ist: die Empörung. Die Sprache allein hilft diesmal nicht weiter, denn Empörung ist eigentlich Aufruhr, Erhebung, Rebellion, Trotz, aber unsere hier erlebte Empörung ist ja eben nicht Aufruhr, sondern Indignation. Doch was ist Indignation, ausser dass es ein Fremdwort ist? Klar: Herabsetzung der Würde, also Entwürdigung, und das ist auch eben geschehen. Das Babyface ist in seiner Würde verletzt und herabgesetzt, ja kleingemacht worden. Es musste seine würdigen Füsse vom Sitz nehmen und einer Fremden den Platz überlassen.

Geschieht ihm und seinen Damen drei Mal Recht, denkt im Wagen alles rundherum, und selbst die Sitzbank ist zufrieden, nun nicht nur einem, sondern zwei Reisenden ordentlich Platz zu bieten. An wen adressiert sich also geschnutete Empörung? Kein Mensch wäre doch bereit, sich zu erheben, und dem im Grunde so würdigen Manne beizustehen und den Doppelplatz gegen die jungen Frauen zu erkämpfen, im Gegenteil.

Empörung ist also nur noch gebremste und gesittete Rebellion gegen die Entwürdigung? Da war doch vor einigen Jahren die breitgestreute Aufforderung zur Empörung: Indignez-vous! So hiess es allenthalben, und ein ganzer Katalog von Gründen zur Empörung wurde geboten: von Sozialabbau bis zur Finanzkrise und zur Globalisation. So empörte sich beinahe alles – denn Empörung ist einfach. Sie begnügt sich – nolens volens, angesichts der Übermacht – mit dem in der Seele gefühlten Aufruhr.

Vielleicht ist die kindliche Schnute der Schlüssel zum Verständnis. Sie ist die Vorstufe zum Weinen, und sie bleibt auf dem Gesicht des Kindes stehen – wenigstens eine Weile lang –, vor allem, wenn der Vater oder die Mutter selbst Anlass zum Leid gegeben hat. Dann hat das Kind keinen Verbündeten mehr und die ganze Welt steht ihm entgegen – Aufruhr und Trotz wären chancenlos. Genauso im vollen Eisenbahnwagen. Und so ist die Schnute wohl Ausdruck der schamvollen Ohnmacht. Welche Schande! …

Bänke sind zum Warten da. Auf den Bus, die Eisenbahn. Auf den Zutritt zum Sprechzimmer des Arztes oder des Steuerbeamten. Auf den Untergang der Sonne. Auf das Leuchten des Mondes und der Sterne.

Worauf wartete sie? Sie sass auf der Bank mitten in der Einkaufsmeile, im hellen Mantel, eine Zigarette rauchend, die Beine übereinandergeschlagen, mit dem freien Fuss wippend. Ungeduldig? Vermutlich. Mutig? So öffentlich zu bekunden, dass sie auf ihren Liebhaber wartet und dass dieser – im dümmsten Falle – sie eben sitzen lassen wird? Wer wird es wagen, denkst Du im Vorübergehen, eine so schöne Frau warten zu lassen – Frauen sind am schönsten, wenn sie voller Erwartung sind, und wenn sich noch kein Zweifel an der Erfüllung auf ihr Antlitz geschlichen hat. Ich weiss, so etwas darf heutzutage nicht mehr geschrieben, ja nicht einmal gedacht werden, denn es könnte ja einer auf die Idee kommen, seine Geliebte warten zu lassen, nur eine Minute, und er hätte nicht ihr, sondern sich selbst diese Minute des Glücks versagt, ja gestohlen. Und wenn Du Pech hast, dann hat sich der Ärger bei ihr bereits eingestellt und dann hast Du, mein Lieber, den Moment verpasst, nicht nur des Glücks, sondern ihres Respekts – und das ist schlimmer, viel schlimmer.

Du hättest eine Grenze überschritten, die Grenze der Nachlässigkeit, so wie wenn Du zwar zeitig, aber unrasiert aufgekreuzt wärest, oder wenn Dein Blick auf Dein Mobile fixiert bliebe, statt sich dem Bann ihrer Schönheit hinzugeben.