Le camelie nella Villa Della Porta Bozzolo a Casalzuigno

Wovon andere nur träumen – Ihr Italiener gestaltet es: il paradiso. Ihr gründet die FAI, pflegt Eure palazzi in unermüdlicher Fronarbeit, bewahrt sie vor dem Verfall – und geben diese endlich etwas her, so schmückt Ihr sie mit Euren camelie rosse, bianche, rosa-bianche, rosissime, bianchissime, rossoscure, rossicce, rossastre, rosso striate, bianco maculate, alcune anche gialle und schliesslich lässt Ihr freundlich die Besucher aus dem Norden darin wandeln und verhelft ihnen, ihre zur Blässe neigenden Träume rechtzeitig aufzufrischen.

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Politkonviktionen

Bei uns hat jeder eine politische Gesinnung, und selbstverständlich vertritt er sie allerorten – oder er deklariert sie unter- oder überschwellig. Es gibt bei uns vier Gesinnungen: national, liberal, ökonatural und sozial.

Allerdings heisst das keineswegs, dass die Menschen ihren Alltag gemäss diesen Gesinnungen leben. Gesinnung ist Gesinnung, ist also das, womit man die Sinne beschäftigt. Nicht das, was man tut. Man kann bestens national gesinnt sein und ausschliesslich Importware kaufen. Man kann ohne weiteres sozialsinnig sein und knallhart den eigenen privaten Profit maximieren, das heisst: den einkommensträchtigsten Job ergattern, die Steuern minimieren und am günstigsten Ort kaufen. Man kann ökonaturale Ideen propagieren und sich einen Deut um den Ferienspritverbrauch scheren. Man kann freiheitlich-unternehmerisch sinnen und von allen staatlichen Vergünstigungen und Subventionen profitieren.

Es lebt sich viel besser so. Und: Jeder tut nur, was rechtens ist. Er versteht darunter: das tun, worauf er ein Recht hat. Ob er allerdings ein gerechter Mensch ist – das scheint nicht so ganz sicher zu sein.

… Reisen bildet. So heisst es. Selbst auf Bahnfahrten in übervollen Zügen: Da hat sich ein grosses Kind auf der Bank räkelnd breitgemacht, die Füsse auf dem Nebensitz. Gegenüber haben sich seine Gattin und die knapp erwachsene Tochter platziert. Alle fummeln an ihren Handys. Schliesslich erbittet eine junge Frau den Platz für ihre im Gang hin und her irrende Freundin. Der Mann nimmt die Bitte wortlos mit grossen Augen und offenem Mund entgegen und bequemt sich nach langem Überlegen und schwerfälligem Abdrehen des Leibes schliesslich, Platz zu machen, will aber auf keinen Fall neben der missliebigen fremden Person sitzen, und so müssen seine Damen umständlich ihre Plätze für ihn tauschen.

Auf den Gesichtern aller drei ist Empörung, Indignation, Beleidigung, Verletzung zu lesen. Hochgezogene Augenbrauen, halb gesenkte Lider, vorgewölbte, leicht zusammengepresste Lippen – Schnute nennt das die Kinder- und Anthropologensprache.

Und der Sich-in-der-Eisenbahn-Bildende fragt sich, was das denn genau ist: die Empörung. Die Sprache allein hilft diesmal nicht weiter, denn Empörung ist eigentlich Aufruhr, Erhebung, Rebellion, Trotz, aber unsere hier erlebte Empörung ist ja eben nicht Aufruhr, sondern Indignation. Doch was ist Indignation, ausser dass es ein Fremdwort ist? Klar: Herabsetzung der Würde, also Entwürdigung, und das ist auch eben geschehen. Das Babyface ist in seiner Würde verletzt und herabgesetzt, ja kleingemacht worden. Es musste seine würdigen Füsse vom Sitz nehmen und einer Fremden den Platz überlassen.

Geschieht ihm und seinen Damen drei Mal Recht, denkt im Wagen alles rundherum, und selbst die Sitzbank ist zufrieden, nun nicht nur einem, sondern zwei Reisenden ordentlich Platz zu bieten. An wen adressiert sich also geschnutete Empörung? Kein Mensch wäre doch bereit, sich zu erheben, und dem im Grunde so würdigen Manne beizustehen und den Doppelplatz gegen die jungen Frauen zu erkämpfen, im Gegenteil.

Empörung ist also nur noch gebremste und gesittete Rebellion gegen die Entwürdigung? Da war doch vor einigen Jahren die breitgestreute Aufforderung zur Empörung: Indignez-vous! So hiess es allenthalben, und ein ganzer Katalog von Gründen zur Empörung wurde geboten: von Sozialabbau bis zur Finanzkrise und zur Globalisation. So empörte sich beinahe alles – denn Empörung ist einfach. Sie begnügt sich – nolens volens, angesichts der Übermacht – mit dem in der Seele gefühlten Aufruhr.

Vielleicht ist die kindliche Schnute der Schlüssel zum Verständnis. Sie ist die Vorstufe zum Weinen, und sie bleibt auf dem Gesicht des Kindes stehen – wenigstens eine Weile lang –, vor allem, wenn der Vater oder die Mutter selbst Anlass zum Leid gegeben hat. Dann hat das Kind keinen Verbündeten mehr und die ganze Welt steht ihm entgegen – Aufruhr und Trotz wären chancenlos. Genauso im vollen Eisenbahnwagen. Und so ist die Schnute wohl Ausdruck der schamvollen Ohnmacht. Welche Schande! …