… bei uns ist der Winter heuer dumpf und trübe und glanzlos und die mägerlichen weisslichen Flecken in den Gärten wissen nichts vom Leuchten einer kalten, blauhimmelerhellten Schneedecke …


… wenn ich wie gestern Nacht am dunklen Nachbarhaus vorbeigehe, überkommt mich eine traurige Stimmung, denn das Haus in seiner ganzen Massigkeit steht unerleuchtet da, dumpf vor sich hin brütend, und es sinniert wie ich am Vergangenen herum, an den Zeiten, da seine Bewohner zu heiteren Sommerabenden im Garten einluden, Freunde und uns Nachbarn, und wir fröhlich gestimmt das Leben genossen. Getrennt haben sie sich, aus unbekannten, unbestimmten und unwägbaren Gründen; sie haben das Weite gesucht – vielleicht – und uns mit den Erinnerungen zurückgelassen …

… eine melancholische Abendstimmung bemächtigte sich der Seele …

Sie trug einen schwarzen, büromässigen …

Sie trug einen schwarzen büromässigen Anzug, Stiefelchen mit festen, hohen Absätzen; sie war auch büromässig schlank, hatte Kopfhörer über ihr blondes Haar und ihre Ohren geklemmt und einen Laptop auf den Knien platziert. Arbeit. Büro – in der Eisenbahn. Und: Sie war am Telefon. Sprach dabei laut und vernehmlich. So laut, dass die Nachbarschaft gezwungen war, Zeugen des halben Dialogs zu werden – die andere Hälfte verschluckten die Kopfhörer.

Die alltäglichste Szene heutzutage, doch habe ich ihre Bedeutung immer noch nicht verstanden, denn wozu werden für solche Mono-Dialoge Zeugen benötigt? Ich weiss. Man wird mir entgegenhalten, dass dieses Mithören durch Nachbarn eine vernachlässigbare Kollaterale sei, bedingt durch optimales Nutzen der Zeit, hier also der Reisezeit, für allerlei Verhandlungen.

Und genau darum schien es bei dem längeren Gespräch gegangen zu sein: um Verhandlungen. Unklar blieb dabei für die Zeugen, und das war das Irritierende, ob es um private oder geschäftliche Verhandlungen ging. Um die Vereinbarung eines Treffens, um die gegenseitige Annäherung – doch eines Treffens wozu? Für Geschäfte? Für eine Anstellung? Einer Annäherung wofür? Für ein gemeinsames Projekt? Ein Frau-Mann-Projekt? Jedenfalls war die junge Frau zielstrebig bemüht; sie sprach mit deutlichem Charme in der Stimme und genau dieser Charme war undefiniert – ging’s um ein Ding oder um den Mann, den Mann als Mann, als männliches Subjekt.

Der Mithörer konnte nicht anders, als sich in dieses Subjekt auf der anderen, virtuellen Seite zu versetzen. War wenigstens diesem die Sachlage klar? Oder genau so unklar? Versuchte er das herauszufinden? Ob er geschäftliches oder männliches Subjekt war? Spürte er, dass er umworben wurde? Und wusste er, zu welchem Zwecke? War ihm klar, dass Mithörer am Gespräch – wenigstens passiv, leidend, mitleidend – teilnahmen?

Nicht unerhebliche Fragen, denn sie könnten den Lauf der Dinge beeinflussen. Mithörer dabei zu haben mochte die Eitelkeit der Telefonierenden reizen, das Bewusstsein der Macht öffentlich zu machen, einen Mann weit in der Ferne auf die richtigen Wege zu bringen – oder im Gegenteil Scham und Schande auslösen, wenn zum Beispiel der unbekannte Umworbene unerwartet das Gespräch unterbrechen würde.

Der schreibende Mithörer blieb jedoch am Geschäft-versus-privat-Dilemma hängen; er wand sich geistig unter dieser Unentschiedenheit, und wenn er das Wort «bezirzen» für diese telefonische Bemühung unangebracht hielt, so kam ihm doch jene antike Göttin in den Sinn, Kirke, die auf ihrer Mittelmeerinsel in einem üppigen Park hauste und mit ihren Speisen und Tränken alle von den Stürmen und Wellen ans Ufer gespülten Männer verzauberte und zähmte, um ihr Zirzenparadies damit zu bevölkern.

Höchst erotisch wurde sie gemalt, jene Kirke, vor allem in neuerer, romantischer Zeit, doch der alte Homer gab ihr deutlich nüchternere Züge: Bei ihm verfolgte sie geschäftig ihre Zwecke, und ihre Verführungskünste waren nicht lustergeben, sondern absichtsvoll und erfolgsorientiert.

Der immer noch gezwungenermassen Mithörende erwog bereits, unauffällig das Seinige zu packen und andere, weniger gefährliche Lagerplätze zu suchen, doch seine schwelende Furcht erwies sich als unbegründet: Bereits bei der nächsten Station packte die Zauberin all ihre Utensilien, verstaute sie in einer grossen Tasche und stolzierte mit lautem Pochen ihrer Stiefel und hochgerecktem Kopf am erschauernden und sich duckenden Nachbarn vorbei zur Ausgangstür.

Gerettet!

… ist mir die Leibnizsche Monadentheorie fremd und unverständlich geblieben, aber wenn schon, dann könnte man sich jene leuchtenden und empfindsamen Seelchen doch etwa so vorstellen …

… mir vorstellen», meinte sie, «meinen Lebensabend in …

Sie sassen im Nebenabteil, eine Frau und ein Mann, befreundet, ein befreundetes Paar, eine Lebensgemeinschaft, vielleicht noch nicht lange, zwei Kinder daneben, beinahe schon Jugendliche, die während der ganzen Fahrt schwiegen. Vertieft in ein Handyspiel. Nur das Paar sprach. Laut.

Darf man Leute belauschen? Nein, das darf man natürlich nicht. Aber darf man andererseits in der Eisenbahn so laut sprechen, dass die Nachbarn unwillkürlich ab- und auf sich gelenkt werden? Ja, das wiederum ist gestattet. Denn es könnte ja sein, dass auch die weitere Umgebung über die eigene Weltgewandtheit informiert sein will. Die Eisenbahn ist ein idealer Ort dafür.

«Ich könnte mir vorstellen», meinte sie, «meinen Lebensabend in Zobriswil zu verbringen. Ein schönes Dorf.»

Wir fuhren eben am Zobriswiler Bahnhof vorbei. Kiosk, Parkplatz, verlassener Schuppen, das Bahnhofplätzchen, Wohnhäuser, ein kleiner Bauernhof, Berge dahinter, dann bereits wieder Wiesen und Obstbäume. So, wie es eben hierzulande aussieht. Durchs andere Wagenfenster ist der Fluss sichtbar. Hierzulande sind immer Fluss und Berge sichtbar.

«In Zobriswil. Unbedingt, ein schöner Ort. Schöne Häuser. Auch landschaftlich schön. Man kann wandern.» Nach einer Pause präzisierte sie: «In Zobriswil, im Alter – ohne weiteres. In Zobriswil – oder in Marrakesch.»

«In Marrakesch?», fragte er.

«Genau, in Marrakesch. Marrakesch ist ebenfalls schön. In Marrakesch könnte ich leben.»

Er sei auch schon einmal dagewesen, in Marrakesch, offenbar nicht mit ihr, sondern sonst einmal. «Marrakesch ist wirklich schön», betonte sie, «man kann da ohne weiteres sein.»

Er bestätigte, dass Marrakesch schön sei, aber er seinerseits könnte sich genauso gut vorstellen, einmal in Kalamata zu leben, Kalamata sei ebenfalls wunderschön. Das kenne sie nicht, meinte sie, … Er unterbrach, das sei in Griechenland, und es sei schön. Am Meer.

Kalamata oder Marrakesch, oder Zobriswil. Nein, sie kenne in Zobriswil eigentlich keine Leute, sie sei aber schon mehrfach dagewesen und könnte da wohnen. Im Alter. Es folgten Hinweise auf frühere Reisen und die Pläne für die Reisen im nächsten Jahr, und man müsse früh buchen, und nicht so ganz klar wurde, ob sie künftig miteinander reisen würden, der Mann empfand es jedenfalls als seine Aufgabe, allfällige Reisewünsche in Planbares umzuwandeln, er kenne sich gut aus im Vorbereiten von Reisen.

Das Alter ist die Zeit, in der man nicht mehr arbeiten muss, sondern pensioniert ist und die verdiente Pension geniessen kann. Man kann darüber hinaus wählen, ob man in Marrakesch, Kalamata oder Zobriswil wohnen will. Es ist die Traumzeit und das Traumland. Das Land wo alles möglich ist. Vielleicht könnte man sich auch eine Wohnung in Marrakesch besorgen und eine in Kalamata und eine dritte in Zobriswil. Und dann könnte man nach Lust und Laune, von einem Ort zum anderen fliegen, von Kalamata nach Zobriswil, von Zobriswil nach Marrakesch nach Lust und Laune, und natürlich auch gemäss den klimatischen Verhältnissen.

Im Winter könnte es allerdings je nachdem kalt sein, nicht in Zobriswil, sondern in Kalamata zum Beispiel, denn die Wohnungen haben da nicht unbedingt Heizungen. Die könnte man natürlich einbauen. Man könne in Kalamata ohne weiteres eine Heizung einbauen lassen, aber man müsste sich vorsehen, womöglich kennen sich die Sanitärinstallateure in Kalamata nicht wirklich aus und haben nicht unseren Standard und man müsste somit alles hierzulande besorgen und hinbringen. Aber dann könnte man ohne weiteres den Lebensabend …

… das winterliche Morgensonnenglück leuchtete und versprach unbeschwerte Tage …