… in St. Gallen steht in grosser Neonschrift Tag und Nacht zu lesen: «Artists interpret the world and then we interpret the artists.» «Künstler deuten die Welt und dann deuten wir die Künstler.»

Das ist nichts anderes als moderne Theologie. Kant hätte jedem Leser der Neonschrift zugerufen: «Wage selbst zu deuten!» Natürlich deuten Künstler allesamt – jeder auf seine Art – die Welt. So wie wir alle die Welt deuten. Hoffentlich. Wir deuten dauernd alles rund um uns – und in uns -, machen uns ein Bild, um herauszufinden, was los ist und was wir als nächstes tun sollen.

Dabei ist klar: Wir sind gemeinschaftliche Wesen. Und so tauschen wir unsere Deutungen aus, teilen sie miteinander. Schärfen oder korrigieren je nachdem unsere eigene Deutung an derjenigen des anderen.

Richtig ist: Künstler und Wissenschaftler haben eigene Wege zur Deutung, genauer: zum Ausdruck ihrer Deutungen. Während die Wissenschaftler im Allgemeinen ihre Deutungen, ihre Interpretationen, in Buchstaben und Ziffern mitteilen, drücken die Künstler die ihrigen in Klang, gesprochenem Wort oder in Bildern aus. Sie erregen unmittelbar die Sinne; ihre Deutungen sind sinnlich, während die Wissenschaftler den Verstand mittels der symbolisierten Sprache ansprechen.

Beides hat seinen Sinn …

… denn wir leben nicht im Werk, sondern in der Wahrnehmung …

… so ist die Ästhetik eben nicht eine Lehre oder Wissenschaft, sondern eine Kunst, die es zu pflegen gilt …