Während der Aufnahme einer Fernsehtanzkonkurrenz äusserte die Jury schwerwiegende Gedanken über die Steifheit einzelner Tänzerinnen und Tänzer und gab Ratschläge zur Verbesserung. Auch das Publikum sinnierte tief, und keiner beachtete den sich elegant, wendig und geschmeidig bewegenden Mann, der überall und nirgends war, stets stand- und zielsicher trotz schwersten Gerätes. Zu seiner Kunst gehörte das Nicht-anwesend-Sein bei höchster Präsenz, und er beherrschte sie vollkommen, unbesehen seiner Grösse und Fülle.
Es war der massige, schwarz gekleidete Mann mit der ebenso schwarzen, gepolsterten Rüstung, auf der er seine Kamera balancierte. Er folgte mit weichsten Bewegungen dem Geschehen auf der Bühne, hautnah oder aus Distanz, plötzlich verschwunden und im nächsten Moment von einer anderen Seite her auftauchend und sogleich im Licht der Scheinwerfer filmend – für alle und keinen sichtbar. Der Inbegriff des Künstlers: unfassbar, unkenntlich und doch in aller Mitte.
Ich dachte, wir hätten längst eine bürgerliche Revolution hinter uns und seither verstehe es sich, dass der Citoyen den Citoyen ehrt. Gestern wurde mir das in Frage gestellt, als in einem Esslokal der Kellner zur Schwingtür eilte, sie für den beleibten Gast öffnete und weit aufhielt, so dass dieser erhobenen Hauptes ungehindert ins Freie treten konnte. Weder grüsste der Mann zum Abschied, noch bedankte er sich für die Gefälligkeit, sondern spielte – wohl für sich selbst – den Herrn, so wie er sich ihn im Geiste vorstellt: nichts und niemanden achtend und hoch und herrlich über den Köpfen der Knechte dahinschreitend …
Er schlenderte in seinem eleganten …
Er schlenderte in seinem eleganten, vor kurzem erstandenen Mäntelchen der Strasse entlang, blieb ab und zu vor einem Schaufenster stehen und blickte mit mässigem Interesse in die Auslagen. Sein Hinken war im Laufe der Zeit derart gering geworden, dass es nur noch von einem aufmerksamen Betrachter wahrgenommen wurde. Er hatte Gott weiss wie lange geübt, empfand er doch seine Behinderung als ausgesprochen beschämend, zumal sie gar keine wirkliche war. In Wahrheit war er höchst schnellfüssig und hätte den Wettkampf mit jedem aufgenommen, gehörte es doch gerade zu seinen Stärken, zu jeder Zeit da und dort und überall und nirgends zu sein.
Schnelligkeit und Präsenz gehörte zu seinen Aufgaben, die ihm sein Herr zugeteilt hatte, und so schnell der Meister Raum und Zeit durcheilte, so schnell war auch er zur Stelle, er, der Teufel, der Diabolos. Das hiess nicht, dass er stets seinem Herrn folgte, im Gegenteil; er mied ihn, wo und wann er nur konnte, und leuchtete sein Meister im Sonnenglanz, so suchte er verhüllt die Dunkelheit, war aber jener Herr verborgen und aus der Schöpfung verschwunden, so tänzelte er im Schein der Bühne und grüsste das Volk und seine Bewunderer auf alle Seiten.
Continue reading



















