Lieber Aldous Huxley,

ich weiss natürlich, dass du längst verstorben bist, und gehe persönlich davon aus, dass du diese Zeilen nicht mehr lesen kannst – akzeptiere allerdings ohne weiteres andere Vorstellungen. Sollten wir also nach dem Tode doch gemütlich weiterleben, dann steht ja nichts dagegen, dass dir diese Zeilen zu Gesicht kommen.

Ich adressiere diesen Brief an dich aus zweierlei Gründen: Erstens wurde ich vor kurzem auf meine Meinung zu dir und zu deinen Gedanken von einem höchst sympathischen jungen Mann angesprochen, und da hatte ich keine Zeit meine Überlegungen zu sammeln und in nützlicher Frist darzulegen. Jenen Mann und seine Frage habe ich ja vor Kurzem auf einer dieser Seiten hier erwähnt, ebenso mein Bedauern über meine pflichtbedingte Verhinderung. Und zweitens ist es doch so, dass wir oft beim kritischen Lesen einer Schrift im Geiste stumme Worte an den Autor richten, uns also gleichsam virtuell mit ihm auseinandersetzen.

Es gibt noch einen dritten Grund für diese Zeilen an dich, der du längst tot bist: Dein Geist lebt weiter. Ob du es willst oder nicht. Das ist die Konsequenz eines geistreichen Lebens und einer geistvollen Tätigkeit, in deinem Falle des Schreibens; dein Geist lebt in deinen Worten weiter – und wirkt auch weiter. Zum Beispiel in den Worten jenes sympathischen jungen Schönen, der mich nach einem Kommentar meinerseits zu deinen Drogenschriften fragte.

Und genau dieses Geistige hast du nicht verstanden. Denn Geist ist nicht etwas Handfestes; Geist ist kein Ding; es ist auch nicht etwas in einem Buch, in einem Bild oder Musikstück Verdinglichtes, sondern es ist eine Kraft, ein Potential, ein Pfeil, der immer wieder fliegt und sein Ziel trifft, und das Ziel ist der Geist eines anderen. Der Geist des Lesers, des Betrachters, des Hörers. Geist ist Bewegung, Geist ist Gestaltung, ist der zielstrebige Wandel.

Dass du diese Kraft kanntest und dass du einen höchst kraftvollen Pfeil von der Sehne schnellen lassen konntest, bewiesest du mit deiner grossartigen Schrift «Schöne Neue Welt», mit jener Vision, jener Utopie, in der du die wissenschaftliche, technische und politische Entwicklung unserer Zeit in die Kritik nimmst.

Du kritisierst darin nicht nur ein elitäres Denken und Handeln – Embryos werden künstlich dumm und manipulierbar gemacht, um ihre Arbeitskraft ausbeuten zu können – sondern du spottest auch über die Masse der Menschen, die in lächerlichen Zirkeln eine Art Messen veranstaltet und unter Drogen – nämlich dem Glücksgefühle liefernden Soma – den Herrschern in Wirtschaft und Staat huldigen. Ich zitiere dich:

Die Messe begann. Die geweihten Soma-Tabletten wurden in die Tischmitte gelegt. Der Kelch Erdbeereissoma wurde von Hand zu Hand weitergereicht und unter Herbeten der Formel «Ich trinke auf meine Auslöschung» wurde daraus zwölfmal getrunken. Dann sang man zur Begleitung des Synthiorchester die Erste Solidaritätshymne.

Vereine, Ford, uns zwölfe hier,
Tropfen nur, zum sozialen Fluss

Deine Schrift hatte grösste Wirkung, wie man sie sich als Schriftsteller nur wünschen kann, und wurde so populär, dass ihr Titel eine gebräuchliche Metapher wurde: Manch einer kritisiert die durchtechnisierte und sich der Herrschermacht beugende moderne Gesellschaft heute noch ironisch als «Brave New World», eben als «Schöne Neue Welt» – selbst wenn er deinen Text nicht einmal kennt.

Und dann? Dann nahmst du an einem Meskalin-Experiment teil, sahst unter dem Einfluss der Droge bunte Bilder, erlebtest intensive Gefühle, verändertes Zeitgefühl, verändertes Wahrnehmen von Musik und Stimmen; deine ganze Wahrnehmung wandelte sich und wurde intensiver, lauter, körperlicher, unmittelbarer. Du erlebtest das, was die Alten unter Rausch verstanden hatten. Räusche gibt es bekanntlich eine ganze Reihe, und die meisten induzieren wir mit einem der Säfte, die uns die Natur bereithält: vergorener Traubensaft, Kokasaft, Peyotesaft, Hanfsaft. Längst haben die Menschen diese Säfte entdeckt und es sich zur Gewohnheit gemacht, ab und zu von diesen halbwegs verbotenen und nur den Göttern vorbehaltenen Tränken zu kosten oder sie gar hemmungslos einzuverleiben, um dem beschwerenden Alltag und seinen Lasten und Mühen wenigstens für eine Weile zu entrinnen. Sie haben längst entdeckt, dass sie nicht nur dem Alltag entrinnen, sondern auch den Grenzen ihrer selbst; sie konnten wähnen, aus sich selbst zu treten und den Göttern – wenigstens für eine Zeitlang – gleich zu werden.

Nicht nur Rausch nennen wir das, sondern Trunkenheit, selige oder unselige, heitere oder elendige, und alle Räusche bezahlten wir mit einem Kater, mit dem Fall vom Himmel oder vom Olymp herab in den mehr oder minder feuchten und muffigen Graben unseres Alltags. Alle kennen wir das, auch wenn keiner von uns alle Drogen der Welt und alle Wirkungen der Welt kennen mag.

Der Rausch oder die verschiedenen Räusche bewirken gesteigerte Wahrnehmungen, Empfindungen und – wenn wir so wollen – ein verändertes Bewusstsein. Nur sollten wir da vorsichtig sein – und du, du gebildeter und kritischer Denker hättest doppelt vorsichtig sein sollen. Und dass du das nicht warst, das werfe ich dir heute noch vor, denn das hatte üble Folgen.

Denn unter dem Begriff verändertes Bewusstsein verstehen wir verschiedene Dinge – weil das Bewusstsein eben kein Ding ist und wir Menschen somit seit jeher Mühe haben, dieses unser Bewusstsein zu bestimmen, zu definieren. Es lässt sich eben nicht definieren, weil es sich in stetem Wandel befindet und weil jeder Mensch ein eigenes, subjektives Bewusstsein hat, das er nicht objektiv mit demjenigen der anderer Menschen vergleichen kann. Ich habe mein Bewusstsein und du das deinige. Basta. Wir verstehen unter Bewusstsein also unsere momentane geistige Verfassung: wach, hellwach, schläfrig, schlafend, bewusstlos, tot.

Andererseits aber verstehen wir darunter den Grad unserer geistigen Erkenntnis: Wenn wir etwas erfahren haben, das für uns wichtig ist, wenn wir etwas gelernt haben, wenn wir etwas Komplexes verstanden haben, so sagen wir, uns sei diese schwierige Angelegenheit, diese Erkenntnis bewusst geworden. Oder wir sagen, wir seien reifer geworden und viel mehr als früher seien wir uns bestimmter Gefahren, aber auch bestimmter Sehnsüchte oder Neigungen bewusst. Wir sagen somit gemeinhin, dass Erfahrung oder das Reifer-Werden unser Bewusstsein erweitert habe. Damit verstehen wir aber ein viel weiteres Bewusstsein als dasjenige unserer augenblicklichen geistigen oder seelischen Verfassung.

Du aber, Huxley, warfst das alles in einen Topf. Und du propagierst, und nicht nur du, sondern alle deine damaligen und nun auch wieder heutigen Adepten propagieren, dass man durch die Veränderung der momentanen Wahrnehmung und damit des momentanen Bewusstseins, reifer und weltbewusster werden kann. Du propagierst den Rausch als wunderbares Mittel zum Gewinn von Erkenntnis. Natürlich ist er das. Nämlich von Erkenntnis über den Rausch. Aber über den Rest der Welt und des Lebens gibt der Rausch keine Auskunft. Bildlich geschrieben: Wir können mit Dionysos in seliger Trunkenheit schwelgen, wir können unsere Wahrnehmung und unser momentanes Bewusstsein mit Meskalin oder LSD steigern, aber damit haben wir weder den Geist der Athene erobert noch die Leier des Apollon erklingen lassen. Wir sind nicht weiser geworden; wir haben nicht mehr von der Welt erfahren, wir haben unser Können nicht verbessert, unser Wissen nicht vermehrt.

Spätestens hier würdest du Einspruch erheben. Und würdest behaupten, Meskalin oder LSD seien der ideale Zugang zu unserem Unbewussten, das du als ein unbekanntes Land mit unbekannten Bewohnern bezeichnest, ein Land, das es zu entdecken gelte. Ja, lieber Huxley, das war damals Mode. Das Unbewusste. Aber der Propagator der Entdeckung des Unbewussten, Sigmund Freud, propagierte keineswegs die Erweiterung der Wahrnehmung, sondern ihre Verengung, die Ruhe, das Liegen, die Rücknahme der Wahrnehmung, die Verinnerlichung, die Reflexion auf die Träume. Dass er daneben ein Anhänger des Kokains war, ist eine andere Angelegenheit. Immerhin, dass man aus dem Unbewussten – das was uns eben nicht bewusst ist – eine Schatzkammer, ein tief verborgenes Land, ja eine eigene Welt konstruierte, das kann ich nicht dir anlasten, das war Mode, aber ich werfe dir vor, davon zu schreiben, als ob es sich um Tatsachen handelt, und nicht um eine Seelentheorie, wie es deren unzählige gibt. Du gibst für real aus, was du gehört und gelesen und nicht nachgeprüft hast. Warum? Eitelkeit? Warst du eitel genug, grosse Worte zu verbreiten? Ich zitiere:

Für den Naturforscher der Seele, den Sammler psychologischer Muster, besteht die erste Notwendigkeit darin, eine sichere, leichte und verlässliche Methode zu finden, sich und andere aus der Alten (gemeint ist die Welt unseres alltäglichen Bewusstseins) in die Neue Welt (gemeint ist die Welt des Unbewussten) zu versetzen … Es gibt zwei Methoden dafür. Bei der ersten gelangt die Seele mittels einer chemischen Substanz an ihr fernes Reiseziel – durch Meskalin oder durch Lysergsäure. Bei der zweiten ist das Beförderungsmittel psychologischer Art, und die Überfahrt zu den Antipoden der Psyche vollzieht sich mittels Hypnose.

Mein lieber Huxley, wenn schon: Warum bist du nicht bei der zweiten, harmloseren, interaktiven geblieben, bei der Hypnose? Ich weiss, du gibst die Antwort selbst:

Die zwei Vehikel tragen das Bewusstsein in dasselbe Gebiet; aber das chemische bringt seine Fahrgäste tiefer ins Innere der terra incognita.

Du glaubtest, einen bequemen Weg – den Weg der Droge, des Konsums einer Substanz – gefunden zu haben, mit dem du die Seele ausleuchten kannst wie mit einer simplen Taschenlampe. Wer gab dir die Gewissheit, dass das, was zu siehst, wirklich dein Inneres ist? Nur zur Erinnerung: Freud, dem wir diese wenig glückliche Konstruktion eines Unbewussten verdanken, war immerhin vorsichtiger. Er sprach von Traumarbeit, von einem Schaffen des Geistes im Schlaf unter dem Einfluss von alten oder neuen Konflikten, von einem Generieren von Träumen und nicht von exotischen Seelenkontinenten.

Aber das alles reichte dir nicht – und darum zeihe ich dich der Eitelkeit. Deine inneren Bilder reichten dir nicht. Dein Menschliches reichte dir nicht. Du wolltest Göttliches sehen und zitierst einen irischen Schwärmer, A. E. (George Russell): «… aber es gibt auch Fenster in der Seele, die es ermöglichen, Bilder zu erblicken, die nicht vom menschlichen, sondern vom göttlichen Geist geschaffen wurden.»

Du wolltest Visionen haben. Göttliche Eingebungen, göttliche Bilder. Du schreibst:

Visionen sind nie unser persönliches Eigentum. Erinnerungen des gewöhnlichen Selbst haben in ihnen keinen Platz.

Göttliches wolltest du sehen, und Göttliches wolltest du uns Irdischen vermitteln. Nahe bei den Göttern wolltest du sein, höher als wir gewöhnlichen Menschen. Du beschreibst auch, wie du unter Meskalin auf eine dünne Schicht müssig aufgegriffenen Sandes blicktest …

… als ich plötzlich die erlesene Schönheit jedes einzelnen Körnchens sah …

Woher weisst du, ob nicht dein Nachbar jeden Tag diese Vision hat? Ohne Meskalin? Du schreibst diese Fähigkeit den grossen Geistern zu, den Denkern, Mystikern, Malern. Ich schreibe sie den vielen unbekannten Menschen zu, die im Verborgenen die Schönheit unserer Erde sehen und die ihre sehende Kraft, ihren Geist, als etwas Menschliches verstehen und schätzen. Du aber willst den Göttern nahestehen – und uns belehren. Ausgerechnet du, der du die intellektuellen Belehrungen belächelt und verspottet hast.

Noch etwas, lieber Huxley: Du hast dich als Denker und Wissenschafter ausgegeben. Dazu gehört Verantwortung. Du schreibst vom Meskalin:

In geeigneten Dosierungen verabreicht, verändert es die Qualität des Bewusstseins gründlicher und ist dabei weniger toxisch als jede andere Substanz aus dem Fundus der Pharmakologen.

Woher deine Gewissheit? Die Selbstverständlichkeit deiner Behauptung? Dem Rausch folgt der Kater. Seit jeher, und heute wissen wir auch warum. Mit den Mitteln des Rausches überfluten wir gewisse Empfänger von Hirnbotenstoffen mit eben diesen Stoffen, und nachdem die Wirkung nachgelassen hat, besteht ein relativer Mangel und eine Gegenregulation der Empfängerstrukturen. Eine seelische Öde, eine Schwere und Empfindungsarmut ist die Folge. Sie geht vorüber. Aber sie ist Zeichen für den Schweregrad des vorangehenden Rausches. Wer will das nicht aus eigener Erfahrung kennen!

Ich weiss, lieber Huxley, dass wir das alles auf die Seite legen können – vor 60 Jahren geschrieben und abgelegt. Aber ich höre heute – wie eben kürzlich von diesem unbekannten sympathischen jungen Mann – die gleichen grossen Reden von den grossen Erfahrungen und Erkenntnissen unter Drogen. Um es klarzustellen: Ich habe nichts gegen Drogenkonsum, nichts gegen den Rausch und nichts gegen den Kater einzuwenden. Ich habe auch nichts gegen rauschhafte Glücksgefühle. Aber ich zitiere einen Landsmann von dir, der hundert Jahre vor deiner Zeit schrieb: Thomas de Quincey. Er verfasste die «Bekenntnisse eines englischen Opiumessers». Sarkastisch bemerkt er:

Ich hatte die grosse Panacea, das geheimnisvolle Labsal zur Erfüllung aller menschlichen Wünsche gefunden! Das Geheimnis der Glückseligkeit, über das die Philosophen so viele Jahrhunderte nachgesonnen hatten, es war auf einmal entdeckt! Man konnte für einen Pfennig Glückseligkeit kaufen und in der Westentasche bei sich führen. In einer Reiseflasche konnte man Ekstasen mit sich herumtragen, und mit der Postkutsche konnte man in grossen, viele Liter fassenden Flaschen Seelenfrieden verschicken.

De Quincey war deutlich kritischer. Selbstkritischer. Ich weiss, sein Rausch war kein Rausch, sondern in gewissem Sinne das Gegenteil. Aber es war genau sosehr ein Manipulieren des Bewusstseins, wie du es propagiertest.

Noch etwas: Ich habe auch etwas gegen das Propagieren von göttlichen Visionen im Rausch. Ich habe etwas gegen Eitelkeit. Gegen priesterliche Anmassung und gegen das Schwatzen von grossen Eingebungen unter ein paar Mikrogrammen Psychedelika.

Und ich habe nie verstanden, warum ein solch heller, visionärer und schöpferischer Geist wie der deinige in dieses schrille Psychedelika-Konzert eingestimmt hat.

Aldous Huxley: Brave New World, 1932. Deutsch: Schöne Neue Welt, Übersetzung aus dem Englischen von Uda Strätling. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 2015

Aldous Huxley: The Doors of Perception, 1954. Deutsch: Die Pforten der Wahrnehmung, aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka, 1970

Aldous Huxley: Heaven and Hell, 1956. Deutsch: Himmel und Hölle, aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka, 1970

Thomas de Quincey: Confessions of an English Opium-Eater, 1821/1822, Deutsch: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, Übersetzung von Leopold Heinemann