… Hör endlich damit auf, dein eigener Unterdrücker zu sein. – So die Schlagzeile vor einiger Zeit in der renommierten Zeitung. Die Dringlichkeit des Rates, der Aufforderung, ja des Befehls stach mir sogleich in die Augen. Jawohl! Ich war gemeint. Genau ich. Ich der ich mir seit jeher bewusst, schmerzlich bewusst bin, ein Duckmäuser, ein Kriecher, kurz ein Unterdrückter zu sein, und zwar unterdrückt durch niemand anders als durch mich selbst. Geknechtet. Und wodurch? Durch meine angeborene oder anerzogene Bereitschaft mich zu unterwerfen. Durch mein weicheierhaftes Bedürfnis, mich klein und unscheinbar zu machen und allerorts zu kuschen. Mich zu verleugnen, meine Vorstellungen für nichtig und nichtswürdig zu achten, sie schliesslich zu vergessen. Statt mich zu outen. Mich und meine Kreativität, meine Ideen, meine Projekte, meine heimlichen Ziele. Mein verborgenes Streben, nicht Knecht, sondern Herr zu sein. Endlich einmal zu sagen, wo es lang geht. Was zu tun und zu unterlassen ist. Mit den Staatsfinanzen, mit der Wirtschaft, mit dem Strassenbau und der Glasfaserplanung. Bei uns zum Beispiel haben sie die Glasfaserzulieferung voll verschlampt.

So las ich weiter. Denn hier ging es um meine Persönlichkeit; hier wurde beschrieben, wie ich mich von meiner Unwürdigkeit befreien konnte. Dass ich richtig lag, bezeugte das wundervolle Portrait der reizenden jungen Frau. Ihr Gesichtsausdruck bewies, dass sie wusste, wovon sie sprach. Ja, sie wirkte selbstbewusst – sie w a r selbstbewusst; der Blick ihrer tiefsinnigen Augen hatte etwas vornehm Magisches an sich, ich kann es nicht anders beschreiben, ihre sanften Lippen zeigten eine gelassene Strenge, die mich berührte und beeindruckte; unwillkürlich kam ich zur Überzeugung, dass sie und nur sie mir Rettung böte, dass sie mich zu meiner Selbstbestimmung führen, dass sie mich erlösen würde, und sogleich beschloss ich, mich in die Reihe ihrer Gefolgsleute, ihrer Follower einzugliedern.

Es zählen sich offenbar bereits Millionen dazu, die alle aufgehört haben, ihr eigener Unterdrücker zu sein. So kann es nicht falsch sein, mich auch zu diesen Followern zu zählen, zu ihrem Gefolge. Das ist allerdings ziemlich schwierig, denn ich bin der jungen und attraktiven Frau noch nie wirklich, das heisst in meinem realen Leben, begegnet, obwohl ich seit der Lektüre täglich nach ihr Ausschau halte.

Aber das ist wohl zu konkret gedacht, denn wenn ich sie auf der Strasse zufällig treffen würde, dann wären schon Millionen hinter ihr her, und ich würde es schwer haben, meinen Platz in ihrer Gefolgschaft zu finden. So muss ich mich auf mediale Bekanntschaft beschränken, das heisst, ich besuche sie seither regelmässig, täglich mehrmals, kenne sie also in- und auswendig, was umgekehrt nicht der Fall ist – sie scheint mich noch nie besucht zu haben.

Das ist auch nicht so wichtig, denn ihre Mitteilungen an mich sind viel tiefsinniger und reichhaltiger, als ich es je sein könnte. Sie informiert mich regelmässig, welche Sonnenbrillen sie trägt, welche Hosen und Tops, welche flauschigen Jupes und in welchen wohlgeformten Turnschuhen sie ihre zarten Füsse spazieren führt.

Ich kenne mittlerweile die kleinsten Details ihrer Kosmetik für Lippen, Wangen, Stirn, Ohren, Hals, Hände und Arme, und bin überrascht von der Geschwindigkeit, mit der sie stets neue Produkte findet. Bambus-Zahnbürstchen zum Beispiel, in Hunderten von Farben, oder Trainingsanzüge, denn sie macht – wie sie mich informiert hat – täglich Meditation und Yoga. Oder spaziert. Oder betreibt Fitness. Und ernährt sich gesund.

Und: Sie gibt immer gute Ratschläge. Immer. Zum Beispiel: Sei du selbst. Lass dich von Frauen, die du liebst, online inspirieren. Genau das tue ich, denn ich liebe sie, heimlich, die unendlich wandelbare Schönheit. Und ich lasse mich sogar warnen: Sei keine Kopierkatze. Um Himmels Willen: auf gar keinen Fall.

Und schliesslich gibt sie mir auf den Weg: Arbeite an deinen Seiten, regelmässig – die rechte Zeit und der richtige Rhythmus sind fundamental! Ich liebe Sie – meine Heldin und Lehrerin. Fürs Leben! …

… nel museo: «ASK ME» steht auf der Brust der jungen freundlichen Führerin durch die Design-Ausstellung. Design aus den Fünfziger-, Sechzigerjahren. Aus meiner Jugendzeit. Olivetti. Rechenmaschinen, Schreibmaschinen – die ersten Computer. Hier im Rahmen des damaligen Designs von Sofas, Nähmaschinen, Kleiderständer, Büchergestellen, Sesseln in allen Formen: vom Säulenkapitell bis zur überdimensionierten Kusslippe, von der zerquetschten Birne, die heute noch in Wohnungen steht, bis zum exquisiten Lederschaukelstuhl. Sie gleitet mit uns an Glastischen und elegant geschreinerten Kommoden vorbei, führt uns durch all die Schaustücke, die Erinnerungen an die Zeit wecken, in der ich so alt war, wie die Führerin heute.

Aber nicht die Erinnerungen stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die junge Frau. Etwas blass, mit gewelltem hellbraunem Haar, schlank, mit Maske – die wir hier ja alle tragen, so dass nur die aufmerksamen, ja prüfenden blauen Augen unter den zarten Brauen genauer zu sehen sind.

Ihre freundliche Mühe, mit denen sie uns zusammengewürfelten Geführten die Gegenstände näherbringt, hat etwas Vertrauensvolles, Vertrauenerweckendes, und für eine Weile versinken wir alle in jene Zeit – wohl auch ausgelöst durch ihre Stimme, die mit Achtung, ja mit einem gewissen Stolz die Geschichte jenes Mann ins Zentrum setzt, der hier, in der Lombardei den Aufschwung massgeblich befördert hat: Adriano Olivetti. Schreibmaschinen sind zum Schreiben da – aber auch zur Ankündigung einer neuen Zeit. Einer Nachkriegszeit, einer Zeit, in der man nicht nur im Büro schreibt, sondern unterwegs, unterwegs in eine Zukunft, und so war Olivettis neue Schreibmaschine leuchtend rot, feuerrot, lippenstiftrot, farbig, um neue, farbenfrohe, erotische Gedichte zu schreiben, gefühlvolle, glühende, und nicht nur das, sondern auch Pamphlete, Aufrufe zum Sturz der damals geltenden, lähmenden Ordnung.

Hier im lombardischen Museum ist das Design vereint. Doch die zugeordneten Fotos zeigen die Differenzen. Die wohlgeformten Möbel aus edlem Tropenholz für die bürgerlichen Behausungen, die Kunststoffleuchte und das Transistorradio, die bald auch einmal im Warenhaus zu kaufen sind, für die Studentenbude. Jedenfalls Verheissungen. Die die Welt erstrebenswert machten.

Aus den Erinnerungen an jene Zeit folgen die Wünsche an die junge Designführerin, mit der ich gern noch etwas geplaudert hätte, doch war sie bald einmal mit ihrem Handy beschäftigt, und das bedeutet heutzutage: Stör mich nicht! Ja, gewiss, ein gewisser Widerspruch zur Aufschrift auf ihrem Pullover.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit meinen Gedanken zu ihr auseinanderzusetzen. Denn ohne Zweifel ist sie selbst Studentin, und ohne Zweifel selbst an der Schule für Design. Und bald schon Mitdesignerin bei einer neuen Verheissung, bei einem neuen Anrollen des Gedankens, der Ideen, der Gestaltung, in einer neuen Welt, mit neuen Formen, neuen Farben, neuen Konstrukten und neuen Plätzen, Häusern, Wohnungen, Tischen, Tellern, Gebäcken. Und allem kommt neue Bedeutungen zu, neue Funktionen, oder vielmehr: keine Funktionen mehr, alles wird sich zu einem Spiel entwickeln, und die Formen würden nicht mehr den Funktionen folgen, sondern die Funktionen würden sich im Spiel der Formen finden.

FFF war ohnehin nur eine Werbemasche: form follows function. Die Form hat sich nie der Funktion unterworfen, sondern ist ihr immer vorausgeeilt, oder hat sie wenigstens eingepackt. Verhüllt wäre das bessere Wort.

In der neuen Welt würde das Museum würde seine angestammte Funktion verlieren, oder wenigstens verändern, denn es wäre nicht mehr Präsentiertablett vergangener Entwürfe und Geräte, sondern Spielort zukünftiger Formen.

Das wird seine Zeit dauern, und unser Olivetti-Fräulein wäre nicht mehr so ganz jung, sondern reife Frau und stolz ihre eigenen Entwürfe, und der verblichene Adriano wäre nur noch im Hintergrund, lächelnd, seinerseits stolz auf seine Nachfolgerin …

Er schlenderte in seinem eleganten …

Er schlenderte in seinem eleganten, vor kurzem erstandenen Mäntelchen der Strasse entlang, blieb ab und zu vor einem Schaufenster stehen und blickte mit mässigem Interesse in die Auslagen. Sein Hinken war im Laufe der Zeit derart gering geworden, dass es nur noch von einem aufmerksamen Betrachter wahrgenommen wurde. Er hatte Gott weiss wie lange geübt, empfand er doch seine Behinderung als ausgesprochen beschämend, zumal sie gar keine wirkliche war. In Wahrheit war er höchst schnellfüssig und hätte den Wettkampf mit jedem aufgenommen, gehörte es doch gerade zu seinen Stärken, zu jeder Zeit da und dort und überall und nirgends zu sein.

Schnelligkeit und Präsenz gehörte zu seinen Aufgaben, die ihm sein Herr zugeteilt hatte, und so schnell der Meister Raum und Zeit durcheilte, so schnell war auch er zur Stelle, er, der Teufel, der Diabolos. Das hiess nicht, dass er stets seinem Herrn folgte, im Gegenteil; er mied ihn, wo und wann er nur konnte, und leuchtete sein Meister im Sonnenglanz, so suchte er verhüllt die Dunkelheit, war aber jener Herr verborgen und aus der Schöpfung verschwunden, so tänzelte er im Schein der Bühne und grüsste das Volk und seine Bewunderer auf alle Seiten.
Continue reading

Ich ging die Strasse hinunter, unaufmerksam und in meine Einkaufsliste versunken, als über ein Treppchen eine junge Frau auf den Gehsteig hinausschoss und um ein Haar in mich geprallt wäre. Im letzten Ausweichen entschuldigte sie sich flüchtig und war sogleich verschwunden.

Ich schritt weiter, meine Liste war weg und hatte dem Bild eines bleichen, dünnen Gesichts Platz gemacht. Eine unbestimmte Furcht zeigte sich darauf, allein dem ersichtlich, der, wenn auch nur für einen Moment, ihm so nahe gekommen war.


… wenn ich wie gestern Nacht am dunklen Nachbarhaus vorbeigehe, überkommt mich eine traurige Stimmung, denn das Haus in seiner ganzen Massigkeit steht unerleuchtet da, dumpf vor sich hin brütend, und es sinniert wie ich am Vergangenen herum, an den Zeiten, da seine Bewohner zu heiteren Sommerabenden im Garten einluden, Freunde und uns Nachbarn, und wir fröhlich gestimmt das Leben genossen. Getrennt haben sie sich, aus unbekannten, unbestimmten und unwägbaren Gründen; sie haben das Weite gesucht – vielleicht – und uns mit den Erinnerungen zurückgelassen …

Sie trug einen schwarzen, büromässigen …

Sie trug einen schwarzen büromässigen Anzug, Stiefelchen mit festen, hohen Absätzen; sie war auch büromässig schlank, hatte Kopfhörer über ihr blondes Haar und ihre Ohren geklemmt und einen Laptop auf den Knien platziert. Arbeit. Büro – in der Eisenbahn. Und: Sie war am Telefon. Sprach dabei laut und vernehmlich. So laut, dass die Nachbarschaft gezwungen war, Zeugen des halben Dialogs zu werden – die andere Hälfte verschluckten die Kopfhörer.

Die alltäglichste Szene heutzutage, doch habe ich ihre Bedeutung immer noch nicht verstanden, denn wozu werden für solche Mono-Dialoge Zeugen benötigt? Ich weiss. Man wird mir entgegenhalten, dass dieses Mithören durch Nachbarn eine vernachlässigbare Kollaterale sei, bedingt durch optimales Nutzen der Zeit, hier also der Reisezeit, für allerlei Verhandlungen.

Und genau darum schien es bei dem längeren Gespräch gegangen zu sein: um Verhandlungen. Unklar blieb dabei für die Zeugen, und das war das Irritierende, ob es um private oder geschäftliche Verhandlungen ging. Um die Vereinbarung eines Treffens, um die gegenseitige Annäherung – doch eines Treffens wozu? Für Geschäfte? Für eine Anstellung? Einer Annäherung wofür? Für ein gemeinsames Projekt? Ein Frau-Mann-Projekt? Jedenfalls war die junge Frau zielstrebig bemüht; sie sprach mit deutlichem Charme in der Stimme und genau dieser Charme war undefiniert – ging’s um ein Ding oder um den Mann, den Mann als Mann, als männliches Subjekt.

Der Mithörer konnte nicht anders, als sich in dieses Subjekt auf der anderen, virtuellen Seite zu versetzen. War wenigstens diesem die Sachlage klar? Oder genau so unklar? Versuchte er das herauszufinden? Ob er geschäftliches oder männliches Subjekt war? Spürte er, dass er umworben wurde? Und wusste er, zu welchem Zwecke? War ihm klar, dass Mithörer am Gespräch – wenigstens passiv, leidend, mitleidend – teilnahmen?

Nicht unerhebliche Fragen, denn sie könnten den Lauf der Dinge beeinflussen. Mithörer dabei zu haben mochte die Eitelkeit der Telefonierenden reizen, das Bewusstsein der Macht öffentlich zu machen, einen Mann weit in der Ferne auf die richtigen Wege zu bringen – oder im Gegenteil Scham und Schande auslösen, wenn zum Beispiel der unbekannte Umworbene unerwartet das Gespräch unterbrechen würde.

Der schreibende Mithörer blieb jedoch am Geschäft-versus-privat-Dilemma hängen; er wand sich geistig unter dieser Unentschiedenheit, und wenn er das Wort «bezirzen» für diese telefonische Bemühung unangebracht hielt, so kam ihm doch jene antike Göttin in den Sinn, Kirke, die auf ihrer Mittelmeerinsel in einem üppigen Park hauste und mit ihren Speisen und Tränken alle von den Stürmen und Wellen ans Ufer gespülten Männer verzauberte und zähmte, um ihr Zirzenparadies damit zu bevölkern.

Höchst erotisch wurde sie gemalt, jene Kirke, vor allem in neuerer, romantischer Zeit, doch der alte Homer gab ihr deutlich nüchternere Züge: Bei ihm verfolgte sie geschäftig ihre Zwecke, und ihre Verführungskünste waren nicht lustergeben, sondern absichtsvoll und erfolgsorientiert.

Der immer noch gezwungenermassen Mithörende erwog bereits, unauffällig das Seinige zu packen und andere, weniger gefährliche Lagerplätze zu suchen, doch seine schwelende Furcht erwies sich als unbegründet: Bereits bei der nächsten Station packte die Zauberin all ihre Utensilien, verstaute sie in einer grossen Tasche und stolzierte mit lautem Pochen ihrer Stiefel und hochgerecktem Kopf am erschauernden und sich duckenden Nachbarn vorbei zur Ausgangstür.

Gerettet!

… mir vorstellen», meinte sie, «meinen Lebensabend in …

Sie sassen im Nebenabteil, eine Frau und ein Mann, befreundet, ein befreundetes Paar, eine Lebensgemeinschaft, vielleicht noch nicht lange, zwei Kinder daneben, beinahe schon Jugendliche, die während der ganzen Fahrt schwiegen. Vertieft in ein Handyspiel. Nur das Paar sprach. Laut.

Darf man Leute belauschen? Nein, das darf man natürlich nicht. Aber darf man andererseits in der Eisenbahn so laut sprechen, dass die Nachbarn unwillkürlich ab- und auf sich gelenkt werden? Ja, das wiederum ist gestattet. Denn es könnte ja sein, dass auch die weitere Umgebung über die eigene Weltgewandtheit informiert sein will. Die Eisenbahn ist ein idealer Ort dafür.

«Ich könnte mir vorstellen», meinte sie, «meinen Lebensabend in Zobriswil zu verbringen. Ein schönes Dorf.»

Wir fuhren eben am Zobriswiler Bahnhof vorbei. Kiosk, Parkplatz, verlassener Schuppen, das Bahnhofplätzchen, Wohnhäuser, ein kleiner Bauernhof, Berge dahinter, dann bereits wieder Wiesen und Obstbäume. So, wie es eben hierzulande aussieht. Durchs andere Wagenfenster ist der Fluss sichtbar. Hierzulande sind immer Fluss und Berge sichtbar.

«In Zobriswil. Unbedingt, ein schöner Ort. Schöne Häuser. Auch landschaftlich schön. Man kann wandern.» Nach einer Pause präzisierte sie: «In Zobriswil, im Alter – ohne weiteres. In Zobriswil – oder in Marrakesch.»

«In Marrakesch?», fragte er.

«Genau, in Marrakesch. Marrakesch ist ebenfalls schön. In Marrakesch könnte ich leben.»

Er sei auch schon einmal dagewesen, in Marrakesch, offenbar nicht mit ihr, sondern sonst einmal. «Marrakesch ist wirklich schön», betonte sie, «man kann da ohne weiteres sein.»

Er bestätigte, dass Marrakesch schön sei, aber er seinerseits könnte sich genauso gut vorstellen, einmal in Kalamata zu leben, Kalamata sei ebenfalls wunderschön. Das kenne sie nicht, meinte sie, … Er unterbrach, das sei in Griechenland, und es sei schön. Am Meer.

Kalamata oder Marrakesch, oder Zobriswil. Nein, sie kenne in Zobriswil eigentlich keine Leute, sie sei aber schon mehrfach dagewesen und könnte da wohnen. Im Alter. Es folgten Hinweise auf frühere Reisen und die Pläne für die Reisen im nächsten Jahr, und man müsse früh buchen, und nicht so ganz klar wurde, ob sie künftig miteinander reisen würden, der Mann empfand es jedenfalls als seine Aufgabe, allfällige Reisewünsche in Planbares umzuwandeln, er kenne sich gut aus im Vorbereiten von Reisen.

Das Alter ist die Zeit, in der man nicht mehr arbeiten muss, sondern pensioniert ist und die verdiente Pension geniessen kann. Man kann darüber hinaus wählen, ob man in Marrakesch, Kalamata oder Zobriswil wohnen will. Es ist die Traumzeit und das Traumland. Das Land wo alles möglich ist. Vielleicht könnte man sich auch eine Wohnung in Marrakesch besorgen und eine in Kalamata und eine dritte in Zobriswil. Und dann könnte man nach Lust und Laune, von einem Ort zum anderen fliegen, von Kalamata nach Zobriswil, von Zobriswil nach Marrakesch nach Lust und Laune, und natürlich auch gemäss den klimatischen Verhältnissen.

Im Winter könnte es allerdings je nachdem kalt sein, nicht in Zobriswil, sondern in Kalamata zum Beispiel, denn die Wohnungen haben da nicht unbedingt Heizungen. Die könnte man natürlich einbauen. Man könne in Kalamata ohne weiteres eine Heizung einbauen lassen, aber man müsste sich vorsehen, womöglich kennen sich die Sanitärinstallateure in Kalamata nicht wirklich aus und haben nicht unseren Standard und man müsste somit alles hierzulande besorgen und hinbringen. Aber dann könnte man ohne weiteres den Lebensabend …

Eines Tages entdeckte er, …

Eines Tages entdeckte er, dass ihm die Menschen fremd geworden waren. Plötzlich oder allmählich? Er hätte es nicht sagen können. Sie waren ihm fremd geworden, und nicht allein die Menschen, sondern auch die Wörter. Fremd? War ‘fremd’ das richtige Wort? Auch das war unklar. Natürlich kannte er noch die Wörter; er konnte sie voneinander unterscheiden, genau wie die Menschen, aber ihre Bedeutung als gesonderte, eigene, unverwechselbare Wesen war ihm abhandengekommen. Sie hatten ihre Eigenheiten verloren, sie waren austauschbar geworden, und so war es auch mit den Wörtern, deren Sinn er durchaus dem Gedächtnis entlocken konnte, so, wie man in einem Wörterbuch die Bedeutungen von Begriffen nachschlagen kann. Das war es. Die Menschen und die Wörter hatten ihre offiziellen Bedeutungen behalten, anders konnte es nicht sein, aber für ihn war beides unbedeutend geworden, und er runzelte die Stirn und zog die Lippen zusammen und fragte sich, ob diese Veränderung ihrerseits von Bedeutung für ihn war. Wenn ja, dann musste sie ihm grösste Sorgen bereiten, wenn nein, dann konnte er gleichgültig darüber hinwegsehen, ja er hätte dann gar folgern können, dass das Ganze für ihn im Grunde eine Befreiung war. Er brauchte sich um ganz vieles nicht mehr zu kümmern. Er konnte wie zuvor weiterleben, ja besser als zuvor, er konnte seinen Alltag wie zuvor bewältigen, ja eben leichter, denn er würde sich deutlich weniger ärgern, er würde sich nicht mehr ob der menschlichen Unzulänglichkeiten aufhalten, er würde gelassener seinen Weg gehen – stoischer, wie er sich durchaus erinnerte, denn nicht der Sinn der Wörter war ihm abhandengekommen, sondern ihre Bedeutsamkeit. Er wusste durchaus, was sie hiessen, konnte sie auch bei Bedarf anwenden. Er konnte auch mit den Menschen weiterhin auskommen; er wollte und brauchte sich nicht etwa zurückzuziehen. Das beruhigte ihn ungemein, und er beschloss, das Leben nun leichter zu nehmen, morgens unbeschwerter aufzustehen und in den Tag zu steigen. Dem Leben, seinem Leben, tat das keinen Abbruch, er wusste, ja, was er zu tun hatte; er wusste, was von ihm erwartet wurde, und er war weiterhin durchaus willens, diese Erwartungen zu erfüllen – aber auch sie waren ohne Bedeutung für ihn; es war vollkommen ausreichend, wenn sie für die anderen bedeutend waren. Im Nachhinein wunderte er sich, dass er wie die meisten Menschen, wie alle jedenfalls, die er kannte, alles und jedes mit Bedeutung befrachtet, ja bis zur Unkenntlichkeit beladen hatte, und dass dieses Beladen und Beschweren mit Bedeutungen die Sache selbst womöglich nicht klarer, sondern unklarer gemacht hatte. Er folgerte, dass mit etwas Glück dieser nun eingetretene Bedeutungsschwund die Welt, die ganze Welt, die Menschen und die Wörter, die Reden, das Geschreibe für ihn in neuem Licht und deutlich präziser, eigentlicher und – wenn er das grosse Wort in den Mund nehmen wollte – wahrer erscheinen würde.

Der Waggon der roten Schmalspurbahn …

Der Waggon der roten Schmalspurbahn war bis auf den letzten Platz besetzt. Rucksäcke und Rollkoffer standen herum, Skis und Snowboards; Mütter und Väter hatten ihre Kinder ordentlich platziert, die Hunde lagen unter den Sitzbänken; eine Katze miaute ab und zu in einem Bastkäfig. Der Himmel dunkelte; die schweren, bewaldeten Berge schoben sich von Fenster zu Fenster und verschwanden plötzlich, wenn der Zug einen Tunnel passierte. Der Tag war kalt und sonnig gewesen, und Müdigkeit stand auf den Gesichtern der schweigsamen Touristen. Continue reading

Im Schneidersitz …

Im Schneidersitz sass sie im Zug, in jenem Grossabteil, an dem alle Passagiere vorbeigehen müssen. Sie drapierte energisch ihr dichtes dunkles Haar und steckte es mit Nadeln hoch, war aber offensichtlich nicht zufrieden damit und begann mehrfach von Neuem. Dann rückte sie ihr Bäuchlein zurecht – womöglich war sie schwanger – und versuchte es nochmals mit dem Haar. Nach einem kurzen Trunk aus der Flasche mit Saft kramte sie in ihrer Tasche und fand ein Öl, womit sie Nacken und Hals einrieb. Zwischendurch streckte sie sich, lockerte die Wirbelsäule, dann doch nochmals etwas Öl auf den Nacken. Es folgten einige Gymnastikübungen. Es war Sonntagabend im Zug und draussen bereits dunkel. Sie war wohl auf der Rückfahrt von einem Workshop zum Thema «Weibliches Körperbewusstsein», und die Frau, nicht mehr ganz jung, war sich ihres Körpers sichtlich bewusst, so bewusst, so demonstrativ bewusst, dass ich als Nächstsitzender unwillkürlich in diesen Bewusstseinsprozess einbezogen wurde. Ihre hier in der Eisenbahn weitergeführten Bewusstseinsübungen wurden, liessen mich die Bewusstheit meines eigenen Körpers verlieren,  sosehr fühlte ich mit ihr und ihrem Körper. Sie strahlte eine Selbstzufriedenheit oder Selbstgewissheit aus, ja drang damit in meinen Inneres und machte sich da breit, und so kam mir mein eigener, sozusagen nur noch restlicher Körper kläglich klein, steif und unbeweglich vor; und neidisch verfolgte ich ihre Körperdemonstration, ihre Weite und Breite, und nie hätte ich es gewagt, meinerseits durch entsprechende Übungen verlorenes Territorium zurückzuerobern.